Aristau
Sie sind zusammen seit 100 Jahren im Kirchenchor: «Die Musik hält uns jung»

Eduard Wicki wird heute 85 und singt seit 65 Jahren im Kirchenchor, seine Frau Maria (81) seit 35 Jahren.

Andrea Weibel
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Sie gehen noch immer jeden Mittwoch gemeinsam in die Kirchenchor-Proben. Das hält sie jung, verraten Maria und Eduard Wicki – das und ihr wunderschöner Garten.

Sie gehen noch immer jeden Mittwoch gemeinsam in die Kirchenchor-Proben. Das hält sie jung, verraten Maria und Eduard Wicki – das und ihr wunderschöner Garten.

Andrea Weibel

Eduard Wicki lächelt verschmitzt, während er in seinen Kaffee pustet – der feine Träsch-Duft erinnert an früher, an jene Zeit, in die auch seine Gedanken schweifen. Genau heute feiert der Aristauer seinen 85. Geburtstag – das gäbe man ihm aber nie, «das sagt sogar mein Arzt», ist er stolz. «Nächstes Mal werde ich ihn fragen, ob das eigentlich gesund ist, wenn man immer gesund ist», scherzt der Jubilar. Tatsächlich haben seine Frau Maria und er kaum je eine Kirchenchorprobe wegen Krankheit versäumt. Und das immerhin seit 65 beziehungsweise 35 Jahren. «Die Musik hält uns jung, sie tut uns gut, und wir gehen immer fröhlich aus jeder Probe», berichtet Eduard Wicki.

Das war schon immer so, erinnert er sich. «Ich konnte nicht in den Männerchor gehen, weil mein älterer Bruder schon dort mitsang. Und wenn ein Reisli gewesen wäre, hätten wir sowieso nicht beide gleichzeitig mitgehen können. Also ging ich in den Kirchenchor. Und das hat mir von Anfang an Spass gemacht.» Dort war sein Vater Mitglied, trat aber aus, als sein Sohn eintrat, weil eben nicht mehrere Männer gleichzeitig auf dem Hof fehlen konnten, obwohl sie sechs Brüder waren. Schon damals verpasste Wicki keine Probe: «Wer null Absenzen pro Jahr hatte, bekam bis zu 15 Franken, das war viel. Und ich bekam sie fast immer», ist er noch heute stolz.

Der Tenor und die Sopranistin

Doch auch für ihre Getränke zahlten die jungen Sänger damals selten. «Es waren unserer vier, zwei vom Kirchenchor, zwei vom Männerchor. Wir machten oft unsere Runde am Sonntagabend, wir fuhren mit dem Velo über Unterlunkhofen und Jonen und zurück. Da sangen wir immer in den Beizen und bekamen dafür ein Fläschli», erzählt er breit grinsend. «Ich konnte anfangs noch keine Noten lesen, aber ich konnte mir die Texte auch so merken und sang immer den ersten Tenor.»

Eduard Wicki war etwa ein Jahr lang Aktuar des Kirchenchors Aristau und sogar ein Jahr Präsident. «Ich gab ab, weil es aussah, als würden meine Frau Maria und ich den Hof ihrer Eltern in Hünenberg übernehmen. Aber dort hätten wir weniger Land gehabt, und ich glaube, das Haus hier in Birri hat ihr schon noch gefallen, also sind wir geblieben.» So hat es der unten im Dorf Birri aufgewachsene Landwirt nie weiter weg als bis ins Oberdorf geschafft, wo das Paar heute im Stöckli wohnt, während Sohn Martin den väterlichen Hof führt. Im vergangenen Jahr konnten Maria und Eduard ihren 50. Hochzeitstag feiern. Und als die Kinder grösser waren, trat vor 35 Jahren auch Maria Wicki dem Kirchenchor als Sopranistin bei. «Auch mir hat es immer wunderbar gefallen», sagt sie. Neben dem Singen hätten sie auch die zwei wunderbaren Gärten voller Rosen, Sonnenblumen, Dahlien, aber auch Gewürzen und Gemüse fit gehalten.

Von Reisen und dem Krieg

Eduard Wicki erinnert sich besonders gut an die Reisli, die sie mit dem Kirchenchor unternommen haben. «Anders ist man ja nie aus dem Dorf rausgekommen.» Einmal hat der Chor das Kloster Muri-Gries in Südtirol besucht, ein andermal waren sie zum französischen Nationalfeiertag in die Nähe von Colmar eingeladen worden. «Dort wohnte ein Pfarrer, der während des Krieges beim Aristauer Pfarrer Unterschlupf gefunden hatte. Aus Dankbarkeit lud er uns ein, und wir durften in der dortigen Kirche singen und später alle im Pfarrhaus essen.»

Die alten Fotos sind leider nicht datiert, aber dass Edi Wicki ein Gentleman war, ist klar ersichtlich. Hier trägt er den Damen auf einer Kirchenchorreise die Taschen

Die alten Fotos sind leider nicht datiert, aber dass Edi Wicki ein Gentleman war, ist klar ersichtlich. Hier trägt er den Damen auf einer Kirchenchorreise die Taschen

ZVG

Auch vom Krieg weiss der heute 85-Jährige noch viel. «Als es losging, war ich gerade in der ersten Klasse. Der Vater war damals monatelang im Dienst, da mussten wir Kinder früh aufstehen, weil wir vor der Schule noch die Kühe melken und den Hof machen mussten.» Auch die Lehrer seien immer wieder eingezogen worden. «Da hatten wir oft Aushilfen, einmal auch Erika Burkart vom Chapf oben», weiss er noch.

Auch an den Bau der Kirche Aristau vor 75 Jahren kann er sich sehr gut erinnern, damals war er zehn Jahre alt. «Wir haben beim Aufschütten der Erde geholfen. Und beim Dachdecken mussten die älteren Kinder auf der langen Leiter eine Kette bilden, eines über dem anderen, und Ziegel hochgeben. Da waren sicher 15 Kinder auf der Leiter. Wenn das heute jemand sähe ...»

Da braucht es keine Worte: Edi Wicki (mit Sonnenbrille) in jungen Jahren auf einer Kirchenchorreise.

Da braucht es keine Worte: Edi Wicki (mit Sonnenbrille) in jungen Jahren auf einer Kirchenchorreise.

ZVG

Eduard Wicki erinnert sich nicht an alles gern aus seiner Kindheit und Jugend, aber an die Zeit mit dem Kirchenchor hat er nur gute Erinnerungen. So singt er auch bei den modernen englischen Liedern mit – solange doch noch ab und zu eine Messe oder ein Lied von früher gesungen werden. Auch heute Abend wird er in der Probe sein, an seinem 85. Geburtstag – und danach mit allen Chormitgliedern anstossen.