Muri
«Sie sind locker, verrückt und schräg»

Der Aargauer Filmregisseur Paul Riniker sprach über sein Spielfilmdebüt «Sommervögel».

Céline Arnold
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Paul Riniker – bekannter Schweizer Journalist, langjähriger Dokumentarfilmer und nun auch erfolgreicher Autorenregisseur – holte im vergangenen Jahr für seinen Spielfilmerstling «Sommervögel» den Publikumspreis an den Solothurner Filmtagen. Zuvor war der Film, der sich mit dem brisanten Thema einer Liebesbeziehung zwischen «Normalem» und «Behinderter» auseinandersetzt, bereits bei seiner Premiere letzten Sommer am Internationalen Filmfestival Locarno als «Schweizer Film 2010» ausgezeichnet worden.

Riniker und sein Spielfilmdebüt lockten nun auch zahlreiche Filmbegeisterte nach Muri ins fast ausgebuchte Kino Mansarde. Nach der beklatschten Vorführung stand der bekannte Aargauer Regisseur Rede und Antwort zu seinem preisgekrönten Werk.

Mit Spielfilm Neuland betreten

«Wie lassen sich die Sommervögel in Ihrem Film charakterisieren?» «Sie sind locker, verrückt, schräg – wie ich», beantwortet Riniker schmunzelnd die eröffnende Frage von Sybille Wild, Vorstandsmitglied des Filmklubs Muri. Trotz ernstem Inhalt sorgte der Film mit seinen tragikomischen, teilweise heiteren Szenen für befreiendes Gelächter beim Publikum.

Nach 70 Dokumentarfilmen wagte sich Riniker mit «Sommervögel» erstmals aufs Spielfilm-Parkett. «Der Unterschied zu Dokumentarfilmen ist kleiner, als ich dachte», meint er. «Ich bereue, dass ich erst jetzt zum Spielfilm komme.» Nachdem in Erlach der passende Drehort gefunden und die Finanzierung trotz Wegfall der Gelder vom Aargauer Kuratorium sichergestellt war, stand oder fiel der Film schliesslich mit der schauspielerischen Leistung von Sabine Timoteo, die im Film die behinderte Greta verkörpert. Riniker: «Dies war der heikle Punkt. Aber wir haben positive Rückmeldungen erhalten.» Im Rahmen seiner zahlreichen DOK-Filme ist Riniker mit verschiedenesten Schicksalen in Berührung gekommen. Mehrere Filme hat er über geistig oder körperlich Handicapierte gedreht.

In wenigen Sätzen

Die Vorlage für das Drehbuch seines aktuellen 96-minütigen Dramas fand Riniker in der Abschlussarbeit einer Bekannten. Die wahre Geschichte einer schwerstbehinderten Frau, die schliesslich ein Kind zur Welt brachte, sollte verfilmt werden. Für Riniker war jedoch klar: «Ich wollte mit wenigen Sätzen einen Film drehen. Deshalb musste und wollte ich die Geschichte ‹urbaner› machen.» Die lebhafte Greta im Film ist zwar geistig zurückgeblieben, aber nicht schwerstbehindert. Dies lässt dem Regisseur mehr Freiheiten im Hinblick auf den Filmaufbau und auf die Beziehungen der Protagonisten. Und so findet der Spielfilm denn auch nicht dasselbe tragische Ende wie seine reale Vorlage. Es sei dahingestellt, ob diese Änderung eine zu verklärte Sicht auf das Thema begünstigt. Allerdings wirft gerade das wendungsreiche Ende die Frage auf, ob denn unsere Gesellschaft korrekt mit Behinderten umgeht, welche Auswirkungen unsere protektiven Massnahmen und Gesetze auf die Betroffenen haben und inwiefern bevormundete Personen wirklich nicht urteilsfähig sind.

Vielversprechende Aussichten

Der umtriebige Regisseur verriet schliesslich am Ende der Veranstaltung, dass er bereits drei neue Projekte in petto habe. Er müsse nur noch entscheiden, welches Vorhaben er zuerst realisiere. Zumindest in einem, liess Paul Riniker verlauten, spiele er selber mit.