Ein Igelbaby wird ihr in die Hand gedrückt, und schon ist es geschehen: Allison Schulz ist verliebt. In die Igeli, die sie «Darling» oder «Schätzli» nennt. Dabei hatte sie noch nie einen Igel gesehen, geschweige denn berührt, bevor sie vor sieben Jahren auf der Igelstation in Frauenfeld anfing. Die eingewanderte Schottin hatte grosse Mühe mit dem Deutsch. Als sie aber auf ein Zeitungsinserat der Igelstation stiess, dachte sie: «Igeli sprechen ja kein Deutsch.» Noch immer spricht sie mit den Tieren eine Mischung aus Deutsch und Englisch.
Auf der Station in Frauenfeld wurde sie ins kalte Wasser geworfen. Sie bekam ein Igelbaby in die Hand, um es zu füttern. Sofort war sie fasziniert: «Igel sind wunderschön, amazing!» So sammelte sie viele Erfahrungen.

100 Igel pro Jahr

Heute hat Allison ihre eigene Igelstation in Bünzen. Dafür erhielt sie eine Ausnahme-Bewilligung für Haltung und Pflege der Tiere. Sie betreut jährlich knapp 100 Igel. Ihre Patienten leiden an Verletzungen oder sind krank, unterernährt und ausgetrocknet. Dieses Jahr hat sie bereits 64 Tiere betreut, darunter einen Igel mit gebrochenem Oberschenkelchen. Nach acht Wochen konnte er wieder gut laufen und in die Freiheit entlassen werden.
Durchschnittlich verbringt ein Igel 14 Tage auf der Station, dann wird er ausgewildert.

Vermittelt werden sie von der Pro-Igel-Hotline (079 652 90 42), die den nächstgelegenen Ort für die Behandlung der Igel sucht. Danach werden sie an ihren Fundort zurückgebracht, denn Igel kennen ihre Heimumgebung sehr gut. Manchmal fällt es Allison schwer, die ins Herz geschlossenen Tiere gehen zu lassen. Sie weiss jedoch, dass die Tiere zurück in ihre natürliche Umgebung gehören. «Wenn ein Igel keine Hilfe braucht, ist es für ihn hier wie im Gefängnis.» Auch nach der Auswilderung hört sie ab und zu von ihren Schützlingen. «Viele Leute schicken mir später Bilder. Das freut mich, auch wenn das manchmal gar nicht die gleichen Igel sind», lacht sie.

Sechs Babys auf der Station

Neun Igel sind zurzeit in Allisons Station, darunter sechs Babys, die viel Aufmerksamkeit brauchen. Sie müssen alle drei Stunden gefüttert werden, auch nachts. Vor vier Tagen wurden sie gefunden. Die heikelste Zeit, die ersten drei Tage, haben sie überstanden. «Nun haben sie gute Chancen.» Für sie ist Allison ihr Pflegemami. «Die erste Mutter, die sie sehen, der folgen sie.» Das ist gut zu spüren: Während dem Gespräch hört man die kleinen mit ihren hohen, piepsigen Stimmen rufen.

Zutraulich ist auch Igelin Bella, die im Aussengehege lebt. Sobald sie gerufen wird, streckt sie ihr Näschen aus dem Holzhaus. Auch sie kam als Baby in die Station und gewöhnte sich rasch. «Die Igeli werden zahm, das ist eigentlich schade.» Denn von Natur aus sind Igel scheue Tiere. Daran kann auch erkannt werden, ob einem Igel geholfen werden muss: Sie sind normalerweise nicht tagsüber unterwegs und sind sehr flink. Sieht man einen Igel apathisch oder bewegungslos bei Tageslicht, stimmt etwas nicht. Nur Muttertiere sind tagsüber unterwegs, um Futter für ihre Kinder zu sammeln, sie sind aber ebenfalls flink und zielstrebig.

Gärten nicht zu sehr aufräumen

Manchmal erhält Allison auch Anrufe von Menschen, die gerne die Igel in ihrem Garten loswerden würden. Das ist für sie unverständlich: «Igel sind unsere Gartenfreunde.» Sie versteht auch nicht, warum viele Gärten so aufgeräumt sind, denn dadurch verschwindet der natürliche Lebensraum vieler Tiere. Sie brauchen Gras, Äste und Moos, um sich ein Nest bauen zu können. Auch Rasen- und Fadenmäher sind eine Gefahr. «Unsere Gärten sollten igelfreundlicher sein», sagt Allison. Sie selber hat speziell aus diesem Grund Büsche angepflanzt, damit ihre Lieblinge einen Unterschlupf finden.