Wohlen/Rom
Sie nennen ihn «lo Svizzero»: Der Italo-Wohler Franco Narducci will wieder in Italiens Parlament

Schon zweimal ist der Auslanditaliener Franco Narducci als Abgeordneter ins italienische Parlament gewählt worden. Das will er nun zum dritten Mal schaffen.

Christian Breitschmid
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Franco Narducci setzt für seinen Wahlkampf mehr auf persönliche Erfahrung als auf leere Social-Media-Versprechen.

Franco Narducci setzt für seinen Wahlkampf mehr auf persönliche Erfahrung als auf leere Social-Media-Versprechen.

Chris Iseli

Am 4. März wählen die Italiener ein neues Parlament. Diese Wahlen werden in der Schweiz und ganz Europa aufmerksam verfolgt. Besonders aber in Wohlen, denn hier wohnt Franco Narducci, der bereits 2006 und 2008 als Abgeordneter ins italienische Parlament gewählt wurde und jetzt nochmals zur Wahl antritt.

Er ist einer von insgesamt 1550 Italienern, die in Wohlen leben und deren Recht es ist, auch aus dem Ausland ihre Stimme bei nationalen Wahlen abzugeben; vorausgesetzt, sie haben das notwendige Stimmrechtsalter erreicht und sind beim zuständigen Konsulat als Wähler registriert.

Kaum hat Narducci in der Redaktion Platz genommen und ein Stück Zucker in seinem Espresso aufgelöst, da legt er auch schon los: «Wenn man alle Versprechen einlösen wollte, die die anderen Parteien in ihrem Wahlkampf machen, dann bräuchte das 300 Milliarden Euro.» Geld, das Italien ganz einfach nicht zur Verfügung stehe, betont der Vertreter des Partito Democratico (PD), der Demokratischen Partei Italiens, «denn seit den 70er-Jahren trägt der Staat Schulden, die es erst einmal abzubauen gilt.»

Erst verdienen, dann ausgeben

Der überzeugte Mitte-Links-Politiker und Gewerkschafter hat im Laufe seiner beruflichen und politischen Karriere gelernt, dass man nur Geld ausgeben kann, das man zuvor erwirtschaftet hat. Der ausgebildete Geometer aus der süditalienischen Region Molise hatte ursprünglich vorgehabt, in Neapel sein Wirtschaftsstudium abzuschliessen. Aber nach Ferien bei seiner Schwester in der Schweiz erkannte er, dass er hier bessere Chancen hätte als in seinem Heimatland. Nach zwei Jahren in Othmarsingen, zog er 1972 nach Wohlen, wo er als Ingenieur bei Schaffner und Hollenweger eine Anstellung und in Patricia Hübscher die Frau fürs Leben fand.

Im selben Jahr noch vermählten sich die beiden. Ihrer Ehe entsprangen zwei Kinder, Rebecca (38) und Maximilian (33). In jener Zeit begann auch Narduccis politische Karriere mit dem Eintritt in die ACLI, die Christliche Vereinigung der italienischen Arbeitnehmer. «Es war Ennio Carint, der mich immer wieder darauf angesprochen hat, bis ich schliesslich eintrat», erinnert sich Narducci. So lernte er auch das aus der ACLI hervorgegangene Ausbildungsprogramm ENAIP kennen. Dieses bietet seit den frühen 60er-Jahren Migranten in der Schweiz eine Möglichkeit, die Sprache zu lernen und sich beruflich weiterzubilden. Narducci, der am eigenen Leib erfahren hat, wie wichtig Sprache und Beruf für die Integration in einem fremden Land sind, setzte ab 1982 ganz auf diese Karte und übernahm die Leitung der ENAIP Lenzburg. Der Erfolg gab ihm recht. Schon 1986 wurde er zuständig für ENAIP in der ganzen Schweiz.

 Franco Narducci: «Ich tue es, weil ich meine Partei unterstützen will und weil ich gegen diese populistische Welle in Italien bin»

Franco Narducci: «Ich tue es, weil ich meine Partei unterstützen will und weil ich gegen diese populistische Welle in Italien bin»

Chris Iseli

Zehn Jahre später wechselte er zum Christlichen Holz- und Bauarbeiterverband (CHB). Als Zentralsekretär des CHB begleitete er 1998 auch den Zusammenschluss aller christlichen Verbände in der Gewerkschaft Syna, deren Vizepräsident er wurde und die er auch unter das Dach des Gewerkschaftsverbandes Travail Suisse führte. Die Ziele von Travail Suisse, Demokratie, christliche Sozialethik und faire Sozialpartnerschaft, hat Narducci 1998 auch als erster Generalsekretär des Weltrats der Italiener im Ausland (CGIE) auf seine Fahne geschrieben. Er lobbyierte, damals noch ehrenamtlich, für das Stimmrecht seiner Landsleute im Ausland. Er erreichte die Verfassungsreform 2000. «Und 2006 haben wir zum ersten Mal unsere eigene Vertretung gewählt», erzählt er voller Stolz.

Gegen populistische Parolen

Einer der damals Gewählten war Narducci. Auch 2008 gelang ihm nochmals der Einzug ins Parlament. Als er 2013 nur knapp die Wahl verpasste, widmete sich der Nimmermüde einfach neuen Aufgaben. So brauchte es einige Überredungskunst seitens der ACLI und anderer Verbände, den 70-Jährigen nochmals zur Kandidatur zu bewegen: «Ich tue es, weil ich meine Partei unterstützen will und weil ich gegen diese populistische Welle in Italien bin», sagt Narducci, der seit 2015 italienisch-schweizerischer Doppelbürger ist und gerne positive Errungenschaften der Schweiz in Italien propagieren möchte: «Zum Beispiel das System des Finanzausgleichs, das sollte Italien übernehmen.» Kein Wunder, nennen sie ihn im Parlament «lo Svizzero», den Schweizer.

Die Welt besteht aus vier Wahlkreisen

Dank des Gesetzes 459/2001 darf sich jeder im Ausland lebende Italiener, der im Wählerverzeichnis (AIRE) eintragen ist, an den Parlamentswahlen beteiligen. Abgeordnete wählen darf man ab 18 Jahren, als Abgeordneter kandidieren ab 25. So alt muss man auch sein, um Senatoren zu wählen. Mit 40 darf man als Senator kandidieren.

Die ganze Welt ist eingeteilt in 4 Wahlkreise: Europa, Nord-, Südamerika und Asien/Afrika/Ozeanien. Jeder Wahlkreis erhält proportional zur Anzahl der dort lebenden Italiener Abgeordneten- oder Senatssitze im Parlament. Europa hat Anrecht auf 5 Abgeordneten- und 2 Senatssitze.

Der Wahlkreis Europa stellt insgesamt 10 Kandidaten für die Abgeordnetenkammer. 5 davon kommen aus der Schweiz. Einer von ihnen ist Franco Narducci. Seine Wahlchancen stehen gut, denn er ist für die Wähler kein Unbekannter und ein verlässlicher Wert. Er vertritt die Linie seiner Partei und verzichtet auf grosse Wahlversprechen über Social Media.