Muri

Senioren als Schriftsteller: Geschichten, die ihr Leben schrieb

Jeannine Progin (links) und Fabienne Ettlin verfolgen mit der Schreibwerkstatt in der Pflegi Muri ein spannendes Projekt.

Jeannine Progin (links) und Fabienne Ettlin verfolgen mit der Schreibwerkstatt in der Pflegi Muri ein spannendes Projekt.

Zwei Ergotherapiestudentinnen haben in der Pflegi eine Schreibwerkstatt für Senioren eingerichtet. Die Senioren haben grossen Spass am Schreiben.

Zurückblicken, sich erinnern – und aufschreiben, was man in seinem Lebensrucksack findet: Fabienne Ettlin und Jeannine Progin, zwei Ergotherapiestudentinnen, führen in ihrem Projekt «Schreibwerkstatt» vier alte Menschen in der Pflegi durch ihr Leben und geben ihnen eine Plattform, ihr persönliches Lebensgeschichtenbuch zu verfassen.

Die angefragten und ausgewählten Pflegi-Bewohnerinnen und Bewohner schreiben an sechs Nachmittagen ihre Geschichten, Erlebnisse und Anekdoten zu Themen wie Kindheit, Beruf, Freizeit, Krieg oder Kommunikationsmöglichkeiten auf.

Begleitet werden die beiden Studierenden von Gerontologin Brigitte Gysin, die die Idee in die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Winterthur einbrachte. «Wir sind positiv überrascht», erklärt sie als vorläufiges Fazit, «unsere an der Schreibwerkstatt Teilnehmenden, zwischen 80 und 96 Jahre alt, sind durchaus gewandt im Schreiben.» Am Schluss der Schreibwerkstatt werden sie ihr eigenes, sehr persönliches Buch in den Händen halten.

Mehr als Buchstaben setzen

Es geht nicht um Informationsbeschaffung oder um die psychotherapeutische Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit. Das Aufschreiben seiner Erlebnisse und Erfahrungen, die damit verbundene Auseinandersetzung mit der Biografie, kann vielmehr die eigene Identität stärken und das Wohlbefinden fördern.

Gleichzeitig werden dadurch Gespräche angeregt und es können Beziehungen entstehen. «Man stellt vielleicht fest, dass man die gleichen Erlebnisse und Erfahrungen machte wie ein Mitbewohner aus einer anderen Abteilung oder aus einer anderen Gegend», erklärt Gysin. Entsprechend viel Platz räumen die beiden Studierenden den Senioren genau diesem Austausch ein. Sie bewerten nicht, sie fragen kaum nach, helfen nur, mit vorgegebenen Fragen eine Struktur zu erstellen, und führen am Schluss der Werkstatt die Teilnehmenden sozusagen aus der Erinnerung wieder zurück ins Heute.

Die entsprechenden «Werkzeuge» haben sie sich, im dritten Semester stehend, bereits angeeignet. «Wir sind nicht auf Skepsis gestossen», freuen sich Ettlin und Progin, im Gegenteil: «Die Senioren haben von Anfang gerne und motiviert mitgemacht, das Vertrauen konnte rasch aufgebaut werden.»

Jetzt, kurz vor Schluss des Projekts, ist das Feedback sehr positiv. Es sei spannend, sich zu erinnern, fast vergessene Geschichten würden wieder auftauchen. Und es sei schön, wenn jemand auch interessiert zuhöre, würden die Teilnehmenden feststellen. «Da wird man wieder jung», habe einer der Teilnehmenden erklärt.

Damit ist ein wesentliches Ziel der Ergotherapie erreicht: Sie will Betätigungen ermöglichen, die sinnvoll oder bedeutungsvoll sind. Das kann, je nach eigenen Fähigkeiten, etwas ganz Unterschiedliches sein. «In der Pflegi liegen die Menschen nicht einfach flach», unterstreicht Gysin, «hier wird gelebt.»

Immer wieder berührt

Auch die Studierenden fühlen sich glücklich mit ihrem Projekt. «Was die Menschen erlebt haben, was sie zu erzählen wissen, berührt uns immer wieder», unterstreichen Ettlin und Progin. «Und wir lernen unsere Möglichkeiten schätzen, die wir, im Gegensatz zu den alten Leuten in ihrer Jugend, heute haben.»

Viel Lob sprechen die beiden den Pflegi-Verantwortlichen aus: «Sie lassen uns sehr selbstständig arbeiten, wir können hier wertvolle Erfahrungen machen. Auch die bisherigen Nachbesprechungen haben uns sehr weitergebracht.» Jetzt neigt sich die Schreibwerkstatt dem Ende zu. Eine direkte Weiterführung ist nicht geplant.

Aber die beiden Studierenden sehen das Buch am Schluss als Chance, dass es nachhaltig als Kommunikationsgrundlage mit Pflegefachpersonen und Angehören dienen kann. «Vielleicht regt das Projekt ja zum Gedankenaustausch zum Beispiel mit den eigenen Kindern oder mit den Enkelkindern an.»

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