Am Kirchenplatz in Wohlen baute der Strohindustrielle Jacob Isler (1758–1837) vor genau 200 Jahren, 1819, sein Wohnhaus. Dieses muss sich in seiner stolzen Bürgerhausart selbst neben der 1808 eingeweihten katholischen Pfarrkirche St. Leonhard nicht verstecken. Heute ist es das katholische Kirchgemeindehaus.

Das Haus entstand nach dem verheerenden Dorfbrand von 1814, bei dem ein Mensch starb und 170 ihr Obdach verloren. Isler sicherte sich auf dem Brandplatz das Grundstück an bester Lage. Der Zufall will es, dass das Emanuel-Isler-Haus gleich alt ist wie das Weisse Haus, Sitz des US-Präsidenten in Washington. Dieses wurde – ebenfalls nach einem Brand – 1819 neu aufgebaut.

1865 wurde neben Islers Wohnhaus ein Holzhaus, 1876 das heute noch bestehende Gartenhaus erstellt. Im Garten befand sich eine originelle Kegelbahn. Mithilfe einer an einem Seil befestigten Kugel konnte man Kegel umwerfen. Die Bahn erregte die Aufmerksamkeit vieler Passanten und Schüler, die am Emanuel-Isler-Haus vorbei zur Schule gingen. «Auch ich habe diese Kegelbahn als Schulbub noch gesehen», sagt der ehemalige katholische Kirchenpfleger und Einwohnerrat Franz Fischer.

Salutschuss traf das Bett des Brautpaars

Jacob Isler war 61 Jahre alt, als er seinen Alterssitz vis-à-vis der Kirche bezog. Er konnte sich langsam auf seinen Ruhestand vorbereiten, den er 1823, antrat. Isler hatte klein angefangen: Er handelte in jungen Jahren mit Eisenwaren, landwirtschaftlichen Geräten und Tüchern. 1782, mit 24 Jahren, heiratete er Maria Elisabeth Wohler, die ihm laut seinem Biografen, dem Wohler Bezirkslehrer Hans Müller, «eine äusserst tüchtige und geistreiche Gefährtin war». Jugendliche übten sich damals darin, Neuvermählten in der Hochzeitsnacht Salut zu schiessen. Das erlebten auch Isler und seine Braut. Nur traf der Salutschuss ausgerechnet das Bett des Brautpaares. Wir wissen leider nicht, wie sie darauf reagiert haben.

1783 verliess Iser das väterliche Haus. Er handelte bereits mit Schinhüten. Der Absatz der Strohgeflechte ging hauptsächlich in den Schwarzwald. Im gleichen Jahr gründeten acht Geflechthändler, darunter Jacob Isler und sein Vater Kleinpeter Isler, die erste Handelsgesellschaft der Branche. Danach stellte Jacob Isler die Strohindustrie auf eine kaufmännische Grundlage und erschloss mit seinen Söhnen Peter, Anton, Johann, Baptist, Rudolf und vor allem Plazid den Exporthandel. Auch als Gemeindeammann (1803–1812), Friedensrichter und Grossrat konnte Isler sein Talent als Vermittler beweisen.

Der Enkel gab dem Haus den Namen

Seltsam ist, dass man das von Jacob Isler erbaute Wohnhaus seit Generationen als Emanuel-Isler-Haus kennt. Bezirkslehrer und Dorfführer Daniel Güntert erklärt: «Jacob Isler verbrachte in seinem Haus seinen Lebensabend, sein Enkel Emanuel Isler (1850–1937) aber sein ganzes Leben. Daher dürfte die nicht ganz richtige Bezeichnung kommen.» Emanuel Isler, wie sein Grossvater Inhaber einer Handelsfirma für Strohprodukte, blieb ledig, war Gemeinderat und ein musischer Mensch. Er gehörte der Historischen Gesellschaft Aargau an und korrespondierte mit dem Historiker, Volkskundler und Sagensammler Ernst Ludwig Rochholz, um die Herkunft seines Familiennamens Isler zu ergründen und mit ihm Flurnamen für das Aargauer Namensbuch zu melden. Er trieb genealogische Studien und sammelte Idiotismen, Mundartausdrücke aus Wohlen. Ein Wörterbuch mit über 2000 Eintragungen schickte er der Redaktion des Schweizerdeutschen Wörterbuches Idiotikon. Er bedauerte, dass er trotz seiner Absicht, eine Kommission der lokalen Sammler zu bilden, keine Helfer gefunden habe.

Emanuel Isler hatte nach seinen im geharnischten Ton verfassten Aufrufen, einheimische Mundartausdrücke zu bewahren und zu dokumentieren, Jahre später doch noch Erfolg. Eine Lehrerin aus Bremgarten, drei weitere Lehrer und ein Pfarrer meldeten sich bei ihm, zudem sein Bruder Alfred. 18 Briefe und 11 Postkarten von ihm dokumentieren seine Zusammenarbeit mit dem Idiotikon bis 1903. 1895 erreichte die Redaktion des Wörterbuches ein mehrseitiger Brief von Isler von einer Geschäftsreise nach Paris. Darin liess sich Isler über das Fasnachtsbrauchtum in Wohlen aus. Besonders erläuterte er den Begriff einer Fasnachtsfigur, das «Höimüeterli», den ältere Leute in Wohlen noch immer gebrauchen. Es fand Eingang ins Schweizerische Idiotikon. Damit hatte Emanuel Isler sein Ziel, die Mundart zu ehren, doch noch erreicht – wenigstens zum Teil.

Eine Einladung mit tragischen Folgen

Emanuel Isler schenkte dem Landesmuseum Zürich zwei silberne Epauletten und Contre-Epauletten eines Infanterieoffiziers aus dem Aargau, einen kupferversilberten glatten Militär-Halskragen, eine eiserne Kugelgiessanlage für Rundkugeln, ein Pulvermass aus Messing und eine Lichtputzschere aus Alt-Wohlen.

Isler war auch ein Freund der klassischen Musik. Dazu ist eine tragisch-komische Anekdote überliefert: Isler veranstaltete in der Pfarrkirche ein Konzert und lud alle Wohler dazu ein. Aber der Besuchererfolg war derart niederschmetternd, dass sich Isler im Wohler Anzeiger öffentlich über das Desinteresse beschwerte. Einige Leser goutierten die Kritik gar nicht. Eine Gruppe Wohler Lausbuben riss Isler nachts einmal mit lausiger Katzenmusik aus dem Schlaf. Ernst machten die Stimmbürger aber erst bei den Gemeinderatswahlen: Isler wurde als Gemeinderat nicht mehr bestätigt.