Wohlen
Seit 125 Jahren handelt dieser Verein, statt nur zu fordern

Bereits seit 125 Jahren setzt sich der Gemeinnützige Ortsverein (GOV) für Kinder, Arme und viele andere ein.

Jörg Baumann
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Ehrenpräsident Theo Burkard (sitzend), Chronist Heini Stäger, GOV-Präsident Peter Isler und Vorstandsmitglied Franco Bruggisser.

Ehrenpräsident Theo Burkard (sitzend), Chronist Heini Stäger, GOV-Präsident Peter Isler und Vorstandsmitglied Franco Bruggisser.

Jörg Baumann

Auch nach 125 Jahren sprüht der 1891 gegründete Gemeinnützige Ortsverein Wohlen (GOV) vor Tatendrang. Im Jubiläumsjahr unterstützt der Verein das Integrationswerk «Lernen im Quartier» und das Sozialprojekt «Tischlein deck dich». Am Rebebänkli will der Verein zudem wieder einen kleinen Weinberg einrichten. Aus Tradition: Der Rebbau hatte den Wohler Bauern bis ins Ende des 19. Jahrhunderts eine willkommene Nebeneinnahmequelle verschafft.

Aus der Geschichte des «kleinen Bankvereins»

In den ersten Jahrzehnten habe sich der Gremeinnützige Ortsverein (GOV) für preisgünstige Arbeiterwohnungen, Einführung der Elektrizitätsversorgung und eine Bade-anstalt eingesetzt, betonte Historiker Heini Stäger. 1895 richtete die Gemeinde im Schulhauskeller Bäder und Duschen ein – auf Anregung des GOV. Der Verein stiess auch den Bau der Friedhofhalle an. Der GOV schenkte 1903 der Gemeinde die Wettersäule und eröffnete 1904 den ersten von vielen Kindergärten.

Der Unterricht fand zuerst im Vereinshaus und im «Sternen» statt. Die Kindergärtnerinnen erhielten 20 bis 40 Franken Monatslohn von den Eltern, die pro Monat einen Franken bezahlen mussten. Weil der Verein im Dorf ständig neue Ruhebänke aufstellte, sagte Stäger, der GOV sei ein «kleiner Bankverein». 1935 musste der GOV die Empfehlung herausgeben, aus Platzmangel in den Kindergärten nur noch Kinder aufzunehmen, «die es wirklich nötig haben». In der einzigen Kindergartenklasse waren 1938 62 Kinder. 45 waren erlaubt.

2002 trat Theo Burkard als GOV-Präsident zurück. Er hatte Gemeinde und Verein 46 Jahre lang gedient.

«Lernen im Quartier» biete den fremdsprachigen Frauen in Wohlen seit 1999 Deutschkurse an, hielt GOV-Präsident Peter Isler an der Jubiläumsfeier fest, die das Duo Sabine und Alois Bürger musikalisch umrahmte. Der Gemeinnützige Frauenverein verteilt an der Abgabestelle von «Tischlein deck dich» seit 2014 für einen Franken Lebensmittel an von der Armut betroffene Menschen aus der Region. Das Rebbergprojekt mit Trockenmauern und einer Sitzgelegenheit verfolge der GOV weiter, sagte Isler. Dieses wird von der Kommission für Natur und Landschaft der Gemeinde nicht nur begrüsst, sondern auch finanziell unterstützt.

Kinder waren immer wichtig

Das Aufgabenfeld des GOV reicht von den Betreuungsstunden und den Mittagstischen für die Schuljugend über die Kindergärten, die Ruhebänke und die Ludothek bis hin zur Aufgabenhilfe und dem Kinderhort Peter Dreifuss, erläuterten der Vereinspräsident und seine Vorstandskollegen Andrea Fuchs Burkard und Ernst Hochstrasser. «Kinder und Kindergärten waren dem GOV immer ein wichtiges Anliegen. Der Verein zeichnet sich durch sein unbürokratisches Vorgehen und die Tätigkeit im Hintergrund aus», so Isler.

Zwei seiner Sprösslinge hat der Verein aus seiner Obhut entlassen, nachdem sie flügge geworden waren: den Sprachheilkindergarten und die Musikschule. Im Alpenzeiger in Anglikon besitze der GOV zudem einen Aussichtspunkt, der so gut besucht sei, dass man ein Nachtfahrverbot habe verfügen müsse, sagte Hochstrasser.

Beim Kinderhort passte Gemeinde

Als auf der nationalen Politbühne über die Schwarzenbach-Initiative zur Überfremdung der Schweiz gestritten wurde, erstellten initiative Wohler unter der Führung des Fabrikanten Peter Dreifuss 1974 den Kinderhort Peter Dreifuss. In diesem fanden viele Ausländerkinder einen Betreuungsplatz. Die Wohler Stimmbürger wollten sich damals allerdings nicht am Bau des Horts beteiligen. Darauf schenkte Peter Dreifuss das Gebäude dem GOV und verfügte, dass dieses einmal nur dann an die Gemeinde übergehen dürfe, wenn die Schenkerfamilie damit einverstanden sei. Inzwischen haben der GOV und zahlreiche Gönner viel Geld in den Kinderhort investiert. «Der GOV und der Hort sind über die ganze Geschichte hinweg eng miteinander verbunden – und einander wohlgesinnt», sagte Isler. Der GOV habe stets den Fortschritt gefördert und die soziale Verantwortung wahrgenommen, bemerkte Vizeammann Paul Huwiler. Dabei habe er oft früh gehandelt, lange bevor die gesetzlichen Grundlagen dafür vorhanden gewesen seien.