7600 historische, handgemachte Biberschwanzziegel bedecken das alte Haus an der Steingasse 47 in Wohlen. Jeden einzelnen davon hatten Simon Heusser und seine Helfer in der Hand. Jeden einzelnen haben sie im vergangenen Sommer selber aufs Dach getragen und damit die 300 Quadratmeter grosse Fläche gedeckt.

Mehr als ein Jahr ist vergangen, seit Simon Heusser mit dem Umbau seines Hauses begonnen hat (die AZ berichtete). Das Gebäude mit Baujahr 1805 hat er zuvor unter Denkmalschutz stellen lassen. Seither restauriert er es mithilfe historischer Materialien und alter Methoden, aber vor allem mit viel Herzblut.

In jeder Arbeit, die im alten Haus anfällt, findet er etwas, das ihn begeistert. So zum Beispiel die etwa 120-jährigen Fenster in den unteren beiden Stockwerken. «Ich musste zum Glück nur die Scheiben auf der Wetterseite ersetzen, da diese in schlechtem Zustand waren. Die anderen habe ich verdoppelt und eine Dichtung reingemacht», erzählt Heusser.

Seine Begeisterung ist ansteckend: Seit November arbeitet auch sein jüngerer Halbbruder Timo Brockmöller Vollzeit mit ihm zusammen. Die beiden gelernten Schreiner halten sich dabei nicht an einen Plan, sondern werken immer da, wo es gerade nötig ist und wo es das Wetter zulässt. «Im Sommer waren wir hauptsächlich auf dem Dach, da ist im Haus selber nicht viel gegangen.» Auf Heussers Werkbank liegen momentan Holzrahmen für die über 200 Jahre alten Fenster im obersten Stockwerk.

Bei ihren Arbeiten legen sie viel Wert auf Bauökologie. «Es ist mir wichtig, dass wir Materialien aus dem Haus, aber auch solche von Abbruchobjekten weiterverwenden», betont Heusser. Über der offenen Feuerstelle seien zum Beispiel Strohlehmwickel zum Vorschein gekommen. Er habe vermutet, dass das erste feuerpolitische Massnahmen waren, und sie, nachdem die Decke repariert war, wieder eingebaut.

Kleinschreinerei im Estrich

Das sei natürlich nicht immer möglich. Als Beispiel zeigt Timo Brockmöller eine blanke Wand, deren Holzverkleidung nicht mehr restauriert werden konnte. Für die Handwerker gar kein Problem: «Ich habe einfach eine Fräse entworfen», erzählt Heusser. Die Maschine steht in der Kleinschreinerei, die sie im obersten Stock eingerichtet haben und auf die sie sehr stolz sind.

Zurzeit wird die neue Maschine von Brockmöller benutzt. Er bearbeitet damit Holz für die neue Wandverkleidung. «Es soll aussehen wie das Täfer, das sie früher verwendet haben», erklärt er und präsentiert eines seiner Endprodukte. Diese Arbeit dauere zwar länger, dafür mache sie viel Spass.

Momentan sind die Brüder nur zu zweit. «Bei den Dacharbeiten waren wir aber ein grösseres Team. Da hatten wir einen Praktikanten, einen Dachdecker und einen Spengler aus der Region», erzählt Heusser.

Auch beim Restaurieren des Kachelofens und der Sandsteinstufen waren sie auf Hilfe angewiesen. «Grundsätzlich möchte ich möglichst viel selber machen, auch wegen des Budgets.» Da das Projekt sein eigenes sei, könne er auch mal Sachen ausprobieren, die ausserhalb seines Fachgebietes liegen.

Lieber Gold als ein Skelett

Bei Arbeiten in einem über 200-jährigen Haus besteht durchaus die Möglichkeit, dass man auf alte Schätze stösst. Neben einer Deckenbemalung sind inzwischen zehn alte Münzen hervorgekommen. «Die Älteste stammt aus dem Jahr 1719. Eine andere aus dem Baujahr des Hauses», erzählen die Brüder. «Es hat mich wundergenommen, wie viel sie wohl wert sind», so Brockmöller.

Neben einer Deckenbemalung sind inzwischen zehn alte Münzen hervorgekommen.

Neben einer Deckenbemalung sind inzwischen zehn alte Münzen hervorgekommen.

Halb enttäuscht, halb lachend fügt er an: «Die Wertvollste könnte man aber für nicht viel mehr als 6 Franken verkaufen.» Er ist jedoch überzeugt, dass sie noch etwas Spezielles finden werden. «Hoffentlich Gold und kein Skelett», schmunzelt sein Bruder.

Auch ohne Schätze erzählen die alten Räume Geschichten. «Hier sieht man, dass das Haus im Verlauf der Zeit geteilt wurde. Dazu hat man einfach in der Mitte eine Wand durchgezogen.» Heute erinnern noch die verschiedenfarbigen Wände daran, dass sich hier Menschen ein Zimmer – und aufgrund der speziellen Raumteilung auch ein Fenster – geteilt haben.

Simon Heusser würde gerne eine der drei Wohnungen, die in diesem Haus entstehen, selber beziehen. «Es war immer hart, das Haus eines Kunden zu verlassen, nachdem ich ein Jahr lang dort gearbeitet hatte.» Jedoch wisse er nicht, wohin ihn sein nächster Auftrag ziehen wird, wenn er in zwei Jahren sein Projekt in Wohlen abschliesst.

Seine Arbeit dokumentiert Simon Heusser ineinem Blog: www.steingasse47.ch