Franz Wille

Seine erste Polit-Aktion startete er 1956

Franz Wille tritt mit 73 Jahren von der politischen Bühne ab. Toni Widmer

Franz Wille tritt mit 73 Jahren von der politischen Bühne ab. Toni Widmer

Franz Wille war Kommunal- und Kantonspolitiker auf verschiedenen Ebenen – jetzt setzt er sich zur Ruhe.

«Ich bitte all jene, denen ich einmal auf die Füsse getreten bin, um Entschuldigung. Aber manchmal hat es auch Spass gemacht», sagte Franz Wille in seiner kurzen Abschiedsrede im Wohler Einwohnerrat. Haben wir richtig gehört? Ist der 73-Jährige im Laufe seiner langen Karriere seinen politischen Gegnern gelegentlich gar mit Lust geistig auf die Füsse gestanden? «Ich habe das durchaus so gemeint», schmunzelt Wille und erklärt: «Ich bin harten politischen Auseinandersetzungen nie ausgewichen. Und manchmal habe ich halt verbal auch etwas zugespitzt, um den Gegnern die Schwächen ihrer Argumentation aufzuzeigen.» Am meisten «Vergnügen» habe es ihm bereitet, wenn er jemanden mit dessen gegensätzlichen Aussagen habe konfrontieren können: «Mit den ‹einmal so und einmal anders›-Politikern hatte ich das Heu nie auf der gleichen Bühne.»

Respekt vor Andersdenkenden

Franz Wille konnte austeilen, wenn es nötig war. Und er konnte einstecken. Andersdenken zollte er immer Respekt: «Man soll für seine Sache kämpfen, und man soll, wenn nötig, hart um Details fighten. Aber man soll das so tun, dass man nach geschlagener Schlacht zusammen ein Bier trinken kann.» An diese Philosophie hat er sich stets gehalten. Als Grossrat in Aarau (1973 bis 1993) ebenso wie als Gemeinderat in Villmergen (1990 bis 2000) und als Einwohnerrat in Wohlen (2010 bis 2016). Oder in den unzähligen Kommissionen, Verbänden und (CVP-)Parteigremien, in denen er im Laufe seiner langen politischen Laufbahn tätig war.

Geboren ist Franz Wille 1943 in Meilen. Dann zog die Familie nach Wohlen, wo er den Rest der Primarschule und die Bezirksschule besuchte. Nach der Ausbildung am Lehrerseminar in Wettingen nahm er in Villmergen eine Stelle an und wurde mit seiner Frau Rosmarie auch dort wohnhaft. In Villmergen unterrichtete Wille vor allem an der Realschule und bildete sich stetig weiter, unter anderem besuchte er auch Kader-Führungskurse. 1997 wechselte Franz Wille als Projektleiter für die Regionalisierung der Oberstufe (Regos) zum Kanton, von 2000 bis 2006 war er Chef der Abteilung Volksschule und Heime und damit Mitglied der Geschäftsleitung im Departement Bildung, Kultur und Sport.

Politik war schon im Elternhaus ein Thema, richtig gepackt hat es ihn aber als Bezirksschüler 1956 beim Ungarn-Aufstand: «Wir haben als politische Aktion und Hilfe für Flüchtlinge Tischuntersätze mit Ungarn-Wappen gebastelt und sie mit Empfehlung von Pfarrer Obrist auf dem Markt sowie von Haus zu Haus verkauft. Politisch geprägt hätten ihn in der Jugend auch Bezirkslehrer Anton Wohler mit seinem guten zeitgenössischen Unterricht sowie das Lehrerseminar: «Dort haben wir Europapolitik betrieben und nach dem Mittagessen eroberte der Schnellere die bessere Zeitung im Aufenthaltsraum.» Wenn einen der Politvirus einmal gepackt habe, sagt Wille, «dann lässt er dich nicht mehr los». Er hat seinen Politvirus übrigens weitervererbt: Seine Tochter ist die bekannte TV-Journalistin und Moderatorin Susanne Wille.

Franz Wille, der Generalist

Franz Wille war als Politiker ein Generalist, der in vielen Bereichen mit grosser Sach- und Dossierkenntnis aufgefallen ist: «Klar hatte auch ich meine Spezialgebiete, so etwa die Bildungs- und die Gesundheitspolitik. Aber grundsätzlich war ich immer der Meinung, man sollte über alles wenigstens einigermassen Bescheid wissen. Deshalb habe ich immer viel gelesen und dort, wo ich etwas nicht auf Anhieb verstanden habe, am richtigen Ort nachgefragt.» Wille hatte auch immer ein Gespür für das Machbare und verstand es, frühzeitig am richtigen Ort die richtigen Fäden zu ziehen.

«Das», sagt er, «ist mit den Jahren immer wichtiger geworden. Die Parlamente, egal, ob auf kommunaler, kantonaler oder nationaler Ebene, haben ihre frühere Bedeutung zum Teil verloren. Man diskutiert zwar immer noch stundenlang und engagiert um Sachgeschäfte, aber die Meinungen sind meist schon vorher gemacht.» Früher habe man deutlich weniger nach der ausgegebenen Partei- oder Fraktionsmeinung abgestimmt oder abstimmen müssen, sondern auch mal ausscheren dürfen: «Die Idee des Parlaments ist es, dass man sich hier mit Worten auseinandersetzt, Meinungsbildung betreibt und am Schluss zu einem gemeinsamen Kompromiss findet. Heute kannst du in einem Parlament klug reden oder dumm reden – ändern tut sich an den vorgefassten Meinungen im Laufe einer Debatte meist nichts mehr.»

Sachgeschäfte viel komplexer

Verändert habe sich auch die Komplexität der Sachgeschäfte: «Früher umfasste eine Vorlage ein paar Seiten, heute sind es meist dicke Broschüren. Jedes noch so kleine Detail muss aufgeführt werden. Früher hat man die Richtung bestimmt und den Rest dem Vollzug überlassen. Heute fehlt das Vertrauen in die Exekutive, man meint, alles selber regeln zu müssen.» Mit dem angeblich veränderten Ton in der Politik hat Franz Wille hingegen kaum Mühe: «Da ist nicht viel anders geworden. Ich erinnere mich an viele Debatten von früher, die sich kaum von den heutigen unterschieden. Allerdings hatte man damals noch Zeit, die Sache danach am Stammtisch zu bereinigen. In der heutigen Hektik ist das leider verloren gegangen.»

Wille verweist in diesem Kontext auch auf die früheren Auseinandersetzungen in den Wohler Lokalblättern. «Der ‹Wohler Anzeiger› und die ‹Freiämter Zeitung› waren die Parteiorgane von KK (CVP) und FDP. Da wurde so scharf gegeneinander geschossen, wie es sich die heutigen Forumszeitungen wohl kaum mehr erlauben dürften.»

«Es hat sich gelohnt»

Franz Wille verlässt die politische Bühne, aber nicht die Politik. Wer ihn kennt, weiss, dass er sich auch in Zukunft zu Wort meldet, wenn er es als nötig erachtet. Wille hat politisch viel erreicht, da und dort aber auch Niederlagen erlitten. Den Entscheid, jetzt mit der aktiven Laufbahn aufzuhören, habe er schon vor drei Jahren, zu Beginn der laufenden Amtsperiode im Einwohnerrat, gefasst.

Auf die Frage, ob sich der jahrzehntelange Einsatz in der Politik gelohnt habe, überlegt Franz Wille keine Sekunde und sagt: «Ja. Mein Engagement in der Politik hat sich gelohnt. Uneingeschränkt. Ich habe mir in dieser langen Zeit einen breiten Wissens- und Erfahrungsschatz angeeignet, und ich habe viele interessante Leute kennen lernen dürfen.» Politik, sinniert Wille, sei oft langsam. «Aber über kurz oder lang führe sie zu Resultaten. Und wenn diese Resultate dann auch noch im eigenen Sinn ausfallen, dann ist das sehr befriedigend.»

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