Wohlen
Sein Vorfahr war der letzte Untervogt

Hanspeter Wohler stammt von Antoni Wohler ab, der sein Amt einst im «Rössli» ausübte. Sein Nachfahr bewahrt den Stammbaum der Familie Wohler in seinem Haus am Schulweg auf.

Jörg Baumann
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Wenn Bezirkslehrer Daniel Güntert seinen Schülern oder auf einem Dorfrundgang den Erwachsenen die Wohler Geschichte erklärt, bleibt er immer auch beim Restaurant Rössli stehen. «Das ‹Rössli› hiess im 18. Jahrhundert noch Linde. In dieser Dorfwirtschaft lebte damals der letzte Untervogt von Wohlen, Antoni Wohler», berichtet Güntert.

Wohler war Untervogt von 1785 bis 1798. Schon sein Vater Leonhard Antoni Wohler hatte dasselbe Amt volle 35 Jahre lang bekleidet, von 1751 bis 1785. Der letzte Untervogt Antoni Wohler wurde im Oktober 1741 in der «Linde» geboren. Amtlich bekannt ist heute nur sein Taufdatum: der 9. November 1741.

Sein Nachfahr Hanspeter Wohler (42) bewahrt den Stammbaum der Familie Wohler in seinem Haus am Schulweg auf. In der Nähe liegt «Vogts Hübel», ein Areal, das an die Untervogtsfamilie Wohler erinnert und auf dem die Gemeinde 1854 das zweite Schulhaus baute.

Ein Amt für die Begüterten

Zu Lebzeiten der Untervogts-Familie Wohler war Wohlen ein Bauerndorf mit etwas über tausend Einwohnern. Die meisten waren arme Schlucker. Nur wenige waren vermögend. Auch die Familie Wohler zählte zu dieser zahlenmässig nicht umfangreichen Oberschicht. Das ebnete der Familie den Weg ins Amt des Untervogtes, das der Landvogt nur ehrlichen, redlichen, aufrechten und vermögenden Männern anvertraute. Der Untervogt wachte über die Ausführung der von oben erlassenen Gebote und Vorschriften. Er zog für die eidgenössischen Landvögte von Zürich, Bern und Glarus die Steuern der ganzen Dorfgemeinschaft und Bussen von straffällig gewordenen Untertanen ein, vollzog aber auch die Konkursverfahren, Versteigerungen, Inventuren und Erbteilungen.

Dabei blieb die Steuerbelastung im Freiamt human. Die Freiämter Untertanen erbrachten weniger Leistungen an ihre Landesobrigkeit als jene in den Nachbarstaaten. Mehr als der Landvogt langten die Gutsherren in den Klöstern zu. Der «Zehnte», die Steuern und Abgaben, waren bedeutend höher als bei den weltlichen Landesherren. Die von der Freiämter Geschichtstradition gerne bemühte Ausbeutung durch die eidgenössische Herrschaft lässt sich nicht belegen. Der Landvogt besuchte das Freiamt ohnehin nur selten. Ein ausgebauter Beamtenapparat fehlte. Es gab auch keine Polizei, sondern nur Landjägerpatrouillen mit zwei bis fünf Mann, die auf Kosten der Gemeinden und Klöster Land und Leute vor Landstreichern schützen sollten.

Amtsgeschäfte in der guten Stube

Sein Amt konnte der Untervogt nicht ausüben, ohne dem jeweils residierenden Landvogt Treue und Pflichterfüllung zu schwören. Seine Besoldung hätte ihn nicht ernähren können. Diese war eher bescheiden. Untervogt Antoni Wohler verhandelte die Amtsgeschäfte in der guten Stube in seinem Restaurant. Dazu hatte das gewöhnliche Volk keinen Zutritt. Es traf sich, wenn es überhaupt Geld hatte für den Besuch in der Wirtschaft, in der Gesindestube.

Der Untervogt war gleichzeitig Richter am örtlichen Gericht, das die leichteren Delikte beurteilte. Antoni Wohler musste nur ein paar Schritte aus dem Haus machen, und schon stand er auf dem Richtplatz, auf dem Spilhof. Dieser befand sich dort, wo früher das alte Gemeindehaus stand. Auf dem Richtplatz versammelte sich zu Wohlers Zeiten auch die Bauernschaft, eine Art von Landsgemeinde, die die Fragen der Bewirtschaftung der Allmend besprach. Das Stimmrecht hatte nur, wer Land besass oder von Geburt Dorfgenosse war.

Der letzte Untervogt Antoni Wohler stand treu zur katholischen Kirche. 1782 ernannte ihn die Rosenkranz- und Barbara-Bruderschaft zu ihrem Pfleger, also zu ihrem Vermögensverwalter. Die Gemeinde baute 1804 bis 1808 eine neue Kirche. Die Einwohner wurden dabei zu Fronarbeit verpflichtet, die Reichen, unter ihnen auch Untervogt Wohler, schossen für den Bau ein Darlehen vor, das niedrig verzinst werden musste.

Neues Amt unter den Franzosen

1798 musste der letzte Untervogt zurücktreten. Die Franzosen regierten nun im Land. Die alte Eidgenossenschaft mit ihren Feudalherren war untergegangen. Im neuen Kanton Baden übernahm Wohler auch ein neues Amt: Er wurde Präsident des Distriktgerichtes Sarmenstorf.

Zum Distrikt gehörten neben dem Hitzkircheramt mit den Pfarreien Hitzkirch, Aesch und Schongau die Gemeinden Sarmenstorf, Bettwil, Villmergen, Hägglingen, Wohlen und Waltenschwil mit Waldhäusern, Kallern und Hinterbühl. «Wohler hat sich wohl instinktsicher auf die neue Herrschaft eingespielt», vermutet Daniel Güntert. «Die Franzosen wählten mit ihm sicher den richtigen Mann zum Gerichtspräsidenten.»

Antoni Wohler trat 1803 bei der Gründung des Kantons Aargau vom Gerichtspräsidentenamt zurück. Er starb am 1. Januar 1811 im Alter von nicht einmal 70 Jahren.

Quellen: Ortsgeschichten Wohlen (Jean-Jacques Siegrist und Anne-Marie Dubler) und Sarmenstorf (Martin Baur). – Anne-Marie Dubler: «Gemeinsam beherrscht und verwaltet – Die Freien Ämter als eidgenössisches Untertanenland» (Argovia 2007, Historische Gesellschaft Aargau). Donat-Chronik Wohlen. – Emil Suter: «Etwas von den Freiämter Untervögten» (Jahresschrift Unsere Heimat 1942, Jahresschrift Historische Gesellschaft Freiamt).