Es besteht kein Zweifel, dass da ein Sieger vor einem steht. Der Ausnahmesportler grinst wie ein Honigkuchenpferd. Sein Gesichtsausdruck spricht Bände und widerspiegelt grosse Freude und Stolz. Die zweite Bestätigung folgt sogleich und unmissverständlich: Prangt doch hoch an der Hausfront der Obermühle Boswil, des Arbeitgebers von Pirmin Emmenegger, ein Transparent mit der Aufschrift: «Wir gratulieren unserem Weltmeister».

Der Seilzieh-Doppelweltmeister Pirmin Emmenegger kommt aus Waltenschwil. Der 20-jährige Teamsportler hat Ende September an der Seilziehweltmeisterschaft in Südafrika mit der U23- Mannschaft und der U23 Mixed Gold geholt. Die Zeichen dafür standen gut, die Mannschaft hatte im Vorfeld hart trainiert und in den letzten zehn Jahren unter dem erfahrenen Trainer Daniel Strebel, ebenfalls aus Waltenschwil, ausnahmslos das edelste aller Metalle ergattert. Überhaupt war die WM-Teilnahme in Südafrika mit einer einzigen Ausnahme ein Freiämter Heimspiel, inklusive Trainer.

Seilzieher mit Leib und Seele

Pirmin hat sich seit fünf Jahren mit Leib und Seele dem Seilziehsport verschrieben. Reingewachsen ist er durch seinen älteren Bruder Thomas, der bereits Mitglied im Seilziehklub Waltenschwil-Kallern (SZC Waka) war. «Der Sport gibt mir viel, ich schätze besonders den Zusammenhalt innerhalb der Mannschaft und die kollegiale Atmosphäre», wie Emmenegger begeistert erklärt.

Erfolge miteinander zu teilen, sei einfach toll, was gäbe es Schöneres, als mit Teamkollegen, mit denen man gleichzeitig auch privat befreundet ist, ein Hobby so leidenschaftlich zu pflegen. Emmenegger liebt das Seilziehen auch wegen seiner Vielseitigkeit: «Jeder Muskel wird bei diesem Sport trainiert, es braucht den Einsatz des ganzen Körpers und es hält einen richtig fit.»

Eigentlich Landwirt

Pirmin Emmenegger ist eigentlich gelernter Landwirt, seine Lehre hat er vor gut einem Jahr erfolgreich abgeschlossen. Später möchte er dann einmal den elterlichen Hof in Waltenschwil übernehmen. Dafür bleibt aber noch etwas Zeit. Momentan arbeitet der begeisterte Seilzieh-Sportler aber in der anfangs erwähnten Obermühle Boswil, dem Treffpunkt für das Gespräch. Hier wird Mehl für Bäckereien sowie Tierfutter hergestellt. Pirmin arbeitet zu 50 Prozent in der Futtermittelproduktion und zu 50 Prozent im Betriebsunterhalt als Betriebsmechaniker. Er lacht: «Ich finde es ganz praktisch, wie es jetzt läuft, ich mag meinen Job bei der Obermühle. Es ist von Vorteil, nicht in der Landwirtschaft tätig zu sein, so kann ich unter der Woche normal arbeiten und am Wochenende auf dem Hof daheim helfen.» Eine Sieben-Tage-Woche scheint, für den vor Energie nur so strotzenden jungen Mann, kein Problem zu sein.

Beim Betreten des Bürogebäudes der Obermühle riecht es nach gepresstem Heu und Getreide, auf einem Gestell im Eingangsbereich stehen fein säuberlich Mehl- und Futtersäcke aufgereiht, um einen Überblick über das breite Sortiment zu geben. Auch auf dem Empfangstresen stehen ausnahmsweise mal keine Blumen zur Dekoration, sondern originell geschichtete, verschiedene Getreidesorten in einer hohen Vase.

Auch wenn der umtriebige Doppelgold-Gewinner soeben seine Nachtschicht beendet hat, ist ihm keine Spur von Müdigkeit anzusehen, die Freude über den grossartigen Sieg am Kap der guten Hoffnung wirkt offensichtlich nach.

Wieder olympische Disziplin?

Eine Hoffnung, ja gar ein Traum von Pirmin ist es, dass das Seilziehen wieder eine olympische Disziplin wird, das möchte er gerne miterleben. Von 1900 bis 1920 war Seilziehen, oder «Tauziehen», wie das damals hiess, nämlich sechs Mal eine olympische Disziplin. Junge Erwachsene konnten früher erst mit 14 oder 15 Jahren mit dem Seilziehsport beginnen, weil der Körper dafür eben schon ziemlich ausgewachsen sein musste, um der Belastung standzuhalten, die auf den Körper einwirkt.

«Mit 14 oder 15 Jahren haben aber die meisten jungen Leute bereits eine andere Sportart für sich gefunden und sind nicht mehr bereit zu wechseln. Die Seilziehklubs haben das jetzt erkannt und versuchen, die Jungen schon früher für das Seilziehen zu begeistern und abzuholen», wie Emmenegger erklärt. Die Vereine arbeiten mit leichteren Seilen, machen Hallentrainings und gehen mit den Jugendlichen an verschiedene Plausch-Turniere und können so den Nachwuchs sicherstellen.

Tolle Ausblicke

Zurück nach Südafrika: Pirmin strahlt bei dem Gedanken an die Weltmeisterschaft, besonders die unvergessliche Location ist ihm in bester Erinnerung geblieben. Vom Turnierplatz aus hatten die Teilnehmer einen atemberaubenden Blick auf den rauen Atlantischen Ozean. «Überall diese tollen Ausblicke, das war ein echtes Highlight für mich.»

Im Anschluss an das Turnier reiste er noch mit seiner Schwester, die ihn begleitet hatte, und ein paar Sinser Mannschaftskollegen auf der Garden Route durch Südafrika. Die Safari im Kariega-Nationalpark ist ihm noch lebhaft präsent. Wie nahe er den wilden Tieren kam, konnte er kaum fassen. Ebenso beeindruckt hatten ihn die Tafelberge mit ihren topfebenen Plateaus und der umwerfenden Aussicht.

Titel verteidigen

Die Seilziehsaison ist nun zu Ende und das Hallentraining wird aufgenommen, um über die Wintermonate gezielten Muskelaufbau zu machen. Pirmins persönliches Ziel und auch das der U23- Mannschaft ist es, im neuen Jahr an der Weltmeisterschaft in Irland den Titel zu verteidigen. «Ich freue mich immer auf den Austausch mit anderen Klubs, man sieht sich so wenigstens einmal im Jahr und die Freude über das Wiedersehen ist jeweils gross», erklärt Emmenegger.

Das absolute Sahnehäubchen für Pirmin Emmenegger wäre es jedoch, in zwei Jahren, im September 2020, in Sursee zu siegen. Dann wird nämlich die Seilziehweltmeisterschaft in der Schweiz ausgetragen. Eigens dafür hat sich die U23-Mannschaft bereits vor der diesjährigen WM neue Trikots und Trainerjacken drucken lassen, natürlich schweizerisch-traditionsbewusst in Rot-Weiss.