Affäre
Schützenhilfe für den entlassenen Mutscheller Pfarrer

Der Pfarrer der reformierten Kirchgemeinde Berikon-Mutschellen hat seine Affäre mit einer Frau, die er seelsorgerisch betreute, gestanden. Für sein Vergehen wurde er bestraft - mit einer Entlassung. Jetzt erhält er Schützenhilfe.

Claudia Landolt
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Per Ende September ist Pfarrer E. A. gekündigt worden. Ihm, der 13 Jahre lang in der reformierten Kirchengemeinde lang angestellt und «ein angesehener Pfarrer» war, wie der Präsident der Kirchenpflege, Manfred Streich (66) sagt. Der Grund: Eine Beziehung zu einer Frau, die er seelsorgerisch betreute. Diese «Affäre» hat der beschuldigte Pfarrer mehrfach und auch öffentlich bereut. Zur Zeitung «Blick» sagte er: «Es war eine Affäre, die fünf Monate dauerte. Es war ein Fehler, der mir als Seelsorger nicht hätte passieren dürfen.»

Der Kontakt zwischen den beiden Erwachsenen erfolgte einvernehmlich, die Frau fühlte sich zu keinem Zeitpunkt als Opfer. Etwas strafrechtlich Relevantes wird dem Pfarrer nicht vorgeworfen. Trotzdem sanktionierte der Kirchenrat dieses Vergehen mit einer harten Massnahme: Der Entlassung aus dem Pfarrdienst der Kirchegmeinde Bremgarten-Mutschellen. In der Kirchensanktion gilt dies als mittlere von drei harten Strafen, die härteste wäre Berufsverbot, also Entzug der Wählbarkeit. Frank Worbs, Kommunikationschef der Reformierten Landeskirche Aargau, sagt dazu: «Wichtig: Der Kirchenrat hat kein Berufsverbot erteilt., sondern ledigich aus dem ordinierten Dienst dieser Kirchengemeinde entlassen. Der betroffene Pfarrer kann jederzeit in einer anderen Kirchgemeinde auch im Kanton Aargau jedoch vorerst nicht im Dekanats Lenzburg, wieder ein Pfarramt übernehmen.»

Heute auf «Talk Täglich»

Kirchenratspräsident Christoph Weber-Berg ist heute zu Gast bei Werner de Schepper in der Sendung «Talk Täglich». Sie wird auf Tele M1 jeweils um 18.30 Uhr ausgestrahlt.

Nun häufen sich allerdings die Stimmen, die auch öffentlich ihren Unmut über diese Sanktion mitteilen. Den Auftakt machte SP-Grossrätin Rosmarie Groux. Sie schreibt einen Leserbrief (den sie zeitgleich auch dem Kirchenrat zukommen liess), der in der az vom Montag veröffentlicht wurde. Frau Groux schreibt darin: «Ist das noch meine reformierte Kirche», frage ich mich, wenn ich diesen Artikel lese.» Als unnötig taxiert Groux vor allem die Veröffentlichung des Falles und die Orientierung der Medien. «Ich schrieb aus persönlichen Gründen, ich regte mich sehr auf, als ich davon las. Dieser Mann wurde öffentlich an den Pranger gestellt», erklärt sie auf Anfrage.

«Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein»

Pfarrer A. müsse «unverhältnismässig dafür büssen, was er getan habe». Auch beurteile sie sein Vergehen als ganz anders; schliesslich sei der Kontakt zwischen den beiden Erwachsenen einvernehmlich geschehen. «Es wurde ein Exempel statuiert, anstatt die Vergebung und das Verzeihen anzuwenden, wie es die Kirche unermüdlich propagiert.» Das Ausmass der Strafe sei unverhältnismässig. Eine Verwarnung hätte ihrer Meinung nach durchaus genügt. Einen Tag nach Veröffentlichung sagt sie: «Die Reaktionen in meinem Umfeld mehren sich zu Gunsten des Pfarrers.»

Eine neue, «offizielle» Stimme aus dem Umfeld des Kirche des Bezirks Bremgarten-Mutschellen hat sich am Dienstag an die Öffentlichkeit gewandt. Heinrich Seiler, der ehemalige Organist jener Kirche, in welcher der Pfarrer tätig war, schreibt in einem Leserbrief im «Tages Anzeiger»: «(..) Es entsteht der Eindruck, der Pfarrer sei ein uneinsichtiger Wiederholungstäter. (...) Es stellt sich die Frage, ob man mit der Verfehlung des Pfarrers auch in dieser Art hätte umgehen können, um wirklich im Sinne Jesu glaubwürdige Kirche zu sein.»

Der Pfarrer soll nach eigenen Angaben nicht zu einem persönlichen Gespräch, in dem er sich dem Kirchenrat und der Kirchenpflege hätte erklären können, zugelassen. Wohl wurde er von einem Rechtsanwalt verhört, wie es in Disziplinarfällen üblich ist. Laut Frank Worbs, Kommunikationsverantwortlicher der Reformierten Landeskirche, ist dem nicht so: «Der Pfarrer erhielt zu jeder Zeit alle im Disziplinarverfahren vorgesehenen Möglichkeiten der rechtlichen Anhörung. Im Okotber 2011 hat ein persönliches Gespräch zwischen ihm und einer Delegation des Kirchenrates sattgefunden, bestehend aus der damaligen Präsidentin Claudia Bandixen und dem Vizepräsidenten des Kirchenrates.» Es möge jedoch stimmen, dass der betroffene Pfarrer aus persönlichen Gründen ein Gespräch mit der Kirchenpflege und dem Gesamtkirchenrat gewünscht hat, räumt Worbs ein. Allerdings ist die Kirchenpflege in Disziplinarverfahren nicht als beurteilende Instanz beteiligt.

Auch über die Motive der Frau, die zur Anzeige führten, wurde keine Transparenz hergestellt. Offenbar wurde ihr von der Vorgängerin Christoph Weber-Bergs, Claudia Bandixen, die Opferhilfe zur Seite gestellt, wonach sie selbst gar nicht verlangt hat, weil es in solchen Fällen so üblich sei. Für den Pfarrer ist das aber so, als ob das Image des Wiederholungstäters indirekt zementiert würde. «Der Kirchenrat nahm automatisch die Position der Frau ein, das empfinde ich als unfair», sagt Groux.

«Unbarmherziges» Urteil

Das entspricht dem Empfinden einer Mehrheit der Leser verschiedener Onlineportale. Sie beurteilen das intime Verhältnis zwischen Pfarrer und Frau als durchaus «menschlich» und sieht in den gegenseitigen Einverständnis erfolgten Begegnungen daher kein so grosses Unrecht, das eine Entlassung erfordert. Diese wird als «ungerecht» und «unbarmherzig» beurteilt und als «getarntes Machtspiel» der Kirche erachtet.

Der Kirchenratspräsident und Ethiker Christoph Weber-Berg (ehemals Direktor für Corporate Social Responsibility an der Hochschule für IWrtschaft HWZ) dagegen hält an seiner Position fest. «Wir müssen hart sein, die standesethische Verfehlung ist nicht tolerierbar.» Streitpunkt zwischen Pfarrer und Kirchenrat ist vor allem der Zeitpunkt des Verhältnisses respketive das Ende der Seelsorge und der Beginn der Zuneigung: Laut Frank Worbs, Kommunikationschef der Reformierten, ist das seelsorgerische Verhältnis eben nicht einfach so zu Ende, weil sich auch die Gefühle nicht einfach so beenden lassen: «Es braucht eine deutliche zeitliche oder eine räumliche Zäsur.» In diesem Punkt - also wann ein Seelsorgeverhältnis als beendet betrachtet werden kann -seien sich Kirchenrat und der beschuldigte Pfarrer nicht einig gewesen, und daher komme auch die in der Medienkonferenz dem Seelsorger attestierte Uneinsichtigkeit.

Wann ein Seelsorgeverhältnis als beendet betrachtet werden kann, dazu gibt es keine festen Vorgaben. Dennoch hält Worbs fest: »Es sind bedeutsame Ereignisse oder ien längerer Zeitraum von mindestens einem Jahr vergangen nötig, um das Seelsorgeverhältnis in diesem Sinne als beendet zubetrachten. Oder der Pfarrer müsste seine heikle Situation in einem kleinen Kreis erklären und eine andere Person mit der Seelsorge betreuen oder die Kirchgemeinde wechseln.» Er betont zudem, dass es nicht um moralische Bewertungen gehe, sondern allein um die Verletzung einer Dienstpflicht.

Tags zuvor räumt der jetzige Kirchenratspräsident Christian Weber-Berg in der Sendung «Talk Täglich» auf Tele M1 ein, dass er bald ein Treffen mit dem entlassenen Pfarrer in Aussicht habe. Klar jedoch ist: Das Urteil ist gefällt, die Hoffnung begraben. Oder wie es Christoph Weber-Berg plastisch formuliert: «Es ist eben nicht dasselbe, ob man sich während eines Ausflugs in die Toskana näher kommt, oder nach einer seelsorgerischen Beratung.» Irrelevant sei auch, dass die Frau sich genau dann bei der reformierten Kirche gemeldet habe, als der Pfarrer die Beziehung beendet habe. Das Exempel ist statuiert. Immerhin: Eine öffentliche Diskussion zum Thema sei begrüssenswert. Am Donnerstagabend will die Reformierte Landeskirche Aargau weiter informieren.