Wohlen
Schutz in der Heimat: Was passiert, wenn der Täter in den Kosovo geflüchtet ist?

Der 24-jährige Mann, der in Wohlen mutmasslich seine Ehefrau mit einem Messer am Hals verletzt hat, ist noch flüchtig. Doch was, wenn er in sein Heimatland geflüchtet ist? Die albanische Gemeinschaft in der Schweiz ist schockiert.

Nadja Rohner
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(Symbolbild)

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pd

Der 24-jährige S., der am Montagabend in Wohlen mutmasslich seine Schweizer Ehefrau mit einem Messer am Hals verletzt hat, ist immer noch auf der Flucht.

Während sich das Opfer in Spitalpflege befindet, läuft die Fahndung nach dem mutmasslichen Täter. Der Kosovo-Albaner ist erst vor wenigen Wochen aus seinem Heimatland in die Schweiz eingewandert.

«Selbstverständlich rechnen wir auch mit der Möglichkeit, dass er sich 'nach Hause' absetzt», sagt Elisabeth Strebel, Sprecherin der Aargauer Staatsanwaltschaft.

Falls ihm dies gelingt, ist er den Schweizer Behörden definitiv entkommen – denn: Auch der Kosovo liefert eigene Staatsbürger nicht aus.

«Wir müssten dann allenfalls ein Strafübernahmebegehren stellen», sagt Elisabeth Strebel.

Dieses begehrt die Übernahme der Strafverfolgung durch den einheimischen Staat - im vorliegenden Fall der Kosovo. Ob dieses Begehren jedoch gutgeheissen würde, könne sie nicht sagen.

Albaner «von Natur aus empfindliche Leute»

In Wohlen wurde bereits letzte Woche eine Mazedonierin erschossen, ihr Mann steht unter Tatverdacht.

Mutmasslicher Täter vom ersten Fall in U-Haft

Im Fall der in Wohlen erschossenen 35-jährigen Mazedonierin hat das Zwangsmassnahmengericht heute Mittwochmorgen eine dreimonatige Untersuchungshaft für den 40 Jahre alten Ehemann beschlossen. «Die Abklärungen laufen noch», sagt Elisabeth Strebel, Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Der genaue Tathergang sei nach wie vor unklar, ermittelt werde in alle Richtungen. «Wir können insbesondere noch nicht ausschliessen, dass es sich um einen Unfall oder eine Selbsttötung handelt.» (nro)

Dieser zweite schwere Fall von häuslicher Gewalt in Wohlen macht mittlerweile im Kosovo Schlagzeilen, aber auch innerhalb der albanischen Diaspora in der Schweiz.

So schreibt albinfo.ch: «Zwei Familiendramen erschüttern die albanische Gemeinschaft».

Das Portal schreibt zudem, auch die erschossene Mazedonierin und ihr Mann gehörten der albanischen Ethnie an.

«Solche Fälle gibt es auf der ganzen Welt», sagt die albanische Kriminologin Silvije Buçai-Shehi, die in der Schweiz studiert hat, zu albinfo.ch.

Es sei aber erschreckend, wenn sie innert so kurzer Zeit in der gleichen Gemeinde auftreten.

Albaner seien von Natur aus empfindliche Menschen und würden oft im Affekt reagieren, so die Kriminologin. Hier sei dringend Präventionsarbeit nötig.

Buçai-Shehi äussert sich auch dazu, wie schwierig Ehen zwischen Schweizern und Albanern seien. Sie arbeite im Rahmen ihrer Doktorarbeit an einer Studie und untersucht dabei, wie eine albanische Herkunft Verbrecher beeinflusst.

Die bisherigen Recherchen zeigen, so die Kriminologin, dass ein grosser Unterschied besteht zwischen Albanern, die in der Schweiz aufgewachsen sind und solchen, die erst vor Kurzem aus dem Kosovo oder einem anderen Balkan-Land in die Schweiz gekommen sind.

Letztere hätten die Mentalität ihres Landes immer noch verinnerlicht. Sie wolle nicht beurteilen, ob diese Mentalität gut oder schlecht sein, aber «eine Ehe zwischen zwei Personen, von der eine in der Schweiz gross geworden ist und die andere auf dem Balkan, ist schwierig zu führen», sagt die Kriminologin.

«Kulturelle Unterschiede und unterschiedliche Werte können zu Gewalt zwischen solchen Ehegatten führen», sagt auch Hamit Zeqiri, Spezialist für Migration und Integration gegenüber albinfo.ch.

Die beiden Fälle in Wohlen sollten aber nicht im Zusammenhang betrachtet werden, sondern jeder für sich. Die Emanzipation der Frauen sei in der Schweiz normal, so Zeqiri.

Sie könne aber Männern, die auf dem Balkan mit anderen Werten gross geworden, unpassend erscheinen.

Frauen als gleichberechtigt anzusehen und ihre Unabhängigkeit zu respektieren, falle diesen Männern manchmal schwer.

Zudem müssten sie sich damit abfinden können, dass sie in der Schweiz nicht unbedingt «Chef des Hauses» sind, sagt Zeqiri.

Artikel vom 29. Januar 2019. Hinweis: Der Mann wurde später gefasst und zu 8 Jahren Gefängnis verurteilt.