Die Grenzen zwischen Primarschule und Oberstufe, zwischen Lehrern und Schülern sowie zwischen den verschiedenen Schulfächern werden für einmal aufgehoben. Zwei Schulzimmer des Schulhauses Letten sind in Projekträume umfunktioniert worden. Gruppen von fünf Schülern unterschiedlichen Alters sitzen je um einen iPad herum und besprechen ihr gemeinsames Film-Projekt. Es gilt, das Drehbuch und die Detailplanung des Trailers abzuschliessen, um in einem zweiten Schritt die Dreharbeiten an verschiedenen Schauplätzen ausserhalb der Schulräume in Angriff zu nehmen. «Dies ist ein Versuch, den Kontakt zwischen Ober- und Unterstufe herzustellen. Wir sind schliesslich eine Schule», betont der Sekundarlehrer Stefan Diethelm.

Geteilte Kompetenzen

Jede Gruppe besteht aus zwei älteren und drei Primarschülern. «Meine Klasse hat bereits Erfahrung im Umgang mit dem iPad», erklärt Diethelm. Die Fünfzehnjährigen unterrichten ihre jüngeren Kollegen deshalb in sämtlichen technischen Belangen. «Mit diversen Übungen haben sie gelernt, die unerfahrenen Kinder lediglich zu coachen, sie jedoch selbst mit dem iPad arbeiten zu lassen.»

Das Programm gibt eine Art Raster vor, in dem die Elemente der Handlung wie Module eingefügt werden können. Und hier kommen die jüngeren Kinder ins Spiel. «Wir haben in der Schule das Buch ‹Die Flaschenpost› von Klaus Kordon gelesen. Es ist eine Beziehungsgeschichte zwischen einem Mädchen aus West- und einem Jungen aus Ostberlin zur Zeit der Berliner Mauer», erzählt der Primarlehrer Raphael Lohri. Den Zwölfjährigen obliegt also die Aufgabe, die wesentlichen Elemente der berührenden Geschichte für den Trailer auszuwählen. «So sind Verantwortung und Kompetenzen gleichmässig verteilt, und es entsteht eine Win-win-Situation», stellt Lohri fest.

Die iPads, mit denen die Jugendlichen arbeiten, sind eine Leihgabe der Hochschule Brugg. Stefan Diethelm hat kürzlich den Lehrgang zum Pädagogischen ICT-Supporter in Zürich und Brugg absolviert. Das Projekt ist Teil seiner Zertifikatsarbeit.

Genaues Drehbuch

Die Kids tüfteln an ihren Drehbüchern herum, feilen an Texten und wählen Design und Musik aus. «Wir brauchen noch eine Schlussfrage, welche das Interesse am Buch weckt», erinnert der Sekschüler Robin seine Gruppenkameraden. Tina und Nadia tippen verschiedene Varianten ein. Eine Tabelle mit dem genauen Ablauf des Trailers wird erstellt, Zeit und Ort der Szenen werden festgesetzt, die Requisiten bestimmt, die Rollen verteilt. «Möchte jemand von euch einen Vater spielen, der dem Jungen eine knallt?», wirft Selina aus der Nachbargruppe plötzlich die Frage in die Runde. Die jüngeren Schüler kommen dafür schon mal nicht infrage. «Ok, ich machs», Robin stellt sich zur Verfügung.

Grosse Schüler sind gute Lehrer

«Mir gefällt dieses Projekt. Es ist mal was anderes, als normale Schule», erklärt der 15-jährige Marvin. Er findet es spannend, auch mal in die Lehrerrolle zu schlüpfen. «Wir haben uns von Anfang an gut verstanden in der Gruppe. Die Jüngeren haben schnell begriffen, wie es geht.» Nadia, eine seiner Schülerinnen auf Zeit, findet die gemeinsame Arbeit sehr spannend. «Die älteren Schüler erklären besser als die Lehrer», ist sie überzeugt. «Die Arbeit macht Spass und ich bin gespannt, wies herauskommt.» Nadia findet auch die Geschichte interessant. «Man erfährt, wie das damals gewesen ist mit der Berliner Mauer. Die Menschen im Osten haben ein hartes Leben geführt.»