Dani Burg, der ehemalige Schulleiter von Bremgarten und später Niederwil/Stetten, war noch nie ein «ganz normaler Lehrer» und schon gar nicht «alte Schule». Für Kaugummikauen gibts Nachsitzen, für Zuspätkommen auch und für Hausaufgabenvergessen sowieso – das ist in etwa das Gegenteil von dem, wofür er steht.

Insbesondere in Niederwil und Stetten konnte er die Schule gemeinsam mit Lehrerschaft und Schulpflege so umgestalten, dass beispielsweise die Fachhochschule den neuen Stundenplan der Niederwiler Realschüler als hervorragendes Beispiel in ihre Publikation aufgenommen hat.

Er ist gegen «Bulimie-Lernen» der Volksschule, bei dem auf Knopfdruck alles Wissen reingestopft wird und man es an der Prüfung wieder rauslässt. Er setzt sich für Coaching statt Kontrolle ein, für altersdurchmischtes Lernen, Individualisierung, Experimente und Mut. Vor allem Mut brauche es, um aus dem brüchigen, kranken Schulsystem, das aufgebaut ist wie Fliessbandarbeit, ein funktionierendes, zukunftsgerichtetes Lernsystem zu machen.

Und zwar nicht mit der Unterstützung der kantonalen Richtlinien und Regeln, sondern meist trotz ihnen. Er ist überzeugt, dass es möglich ist. Mit seinem neuen, fünften Buch «Die Schule erstickt» will er Schulleitern, Lehrpersonen, Schulpflegern, Eltern und allen anderen Schulinteressierten zeigen, wie das funktionieren kann. Mit Beispielen direkt aus der Praxis aus Niederwil, Stetten und Bremgarten.

Befreiung statt Beatmung

Sein Buch ist in drei Teile gegliedert: Erstens eine Aufzählung davon, was alles falsch läuft. Zweitens die Befragung, was das System gegen diese Probleme tut. Und drittens, der Hauptteil des Buches, das Befreiungs-ABC mit vielen Beispielen aus seinem Schulleiteralltag.

Ordnung und Disziplin seien beispielsweise sehr wichtige Themen. «An vielen Schulen kämpft man sich täglich mit den immer gleichen Mitteln damit ab, Disziplin einzufordern. Dabei merkt man oft gar nicht, dass es am System liegt und die Schüler teilweise sofort kooperieren würden, wenn man sie nicht in Formen drücken würde.»

Man merke oft nicht, dass man auf einem toten Pferd reite. Ein anderes Bild dafür fiel Burg beim Wandern ein: «Unsere Schüler sind wie ein Garten voller Pflanzen, die wachsen wollen. Nun liegen Steine und ganze Felsbrocken in diesem Garten, die die Pflanzen am Wachsen hindern, und das ganze ist durch Schnüre zusammengepfercht. Statt nun aber diese Steine und Schnüre wegzuräumen, legt man Beatmungsschläuche, damit die Pflanzen irgendwie am Leben gehalten werden.»

Dabei wäre manchmal nur ein kleines Umdenken nötig: «Einmal hatten wir einen Schüler, der sich einfach nicht hinsetzen und konzentrieren konnte. Aber anstatt ihn immer wieder zu massregeln, besannen wir uns auf seine Stärken. Er ist ein Organisationstalent, also hat er ein eigenes kleines Büro erhalten und durfte von dort aus Aufträge ausführen. Er hat den Schularzttermin für eine ganze Klasse organisiert und kam selber mit dem Vorschlag, er würde den Primarlehrerinnen gerne den Broschürendruck erklären.»

Dieses Beispiel fasst vieles zusammen, das Burg wichtig ist: Individualisieren, denn der Junge konnte nicht in der normalen Klassenumgebung lernen, Aufträge statt Aufgaben, denn im Lösen von alltagsbezogenen Problemen blühte der Junge auf, Experimente, denn das Einzige, was man wusste, war, dass der Junge im «normalen Rahmen» nicht weiterkommen würde.

Gemeinsam Lösungen finden

Thematisch gehört viel des eben Gesagten bereits zum Hauptteil des 196 Seiten starken Werkes. Zu jedem Buchstaben von A wie «altersdurchmischtes Lernen» bis Z wie «Zurückschauen auf Erfolge und daraus Energie schöpfen» hat Dani Burg Themen und Probleme aus dem Schulalltag herausgepickt. Möglichst einfach und gut verständlich zeigt er auf, wie diese von Schulleitung, Lehrerschaft und Schulpflege gemeinsam besprochen und gelöst wurden. Hierbei ist ihm wichtig: «Wir sind keine Heiligen, auch bei uns klappt nicht alles. Aber wir sehen unser Ziel und arbeiten darauf hin.» Ausserdem seien die Lösungen, die die Schule Niederwil/Stetten gefunden habe, nicht einfach auf andere Schulen übertragbar. «Aber man kann sich inspirieren lassen. Denn mir ist völlig klar, dass die mehreren zehntausend Stunden, die jede Lehrperson in ihrer Kindheit, Jugend und Ausbildung in diesem Schulsystem verbracht hat, es sehr schwer machen, andere Lösungen zu erkennen. Aber es ist möglich.»

Auch dafür hat der Schulverband im Reusstal eine Lösung gefunden: Jede Woche findet eine Entwicklungssitzung statt, bei der über keine Alltagsprobleme gesprochen werden darf, sondern einzig neue Ideen durchdacht werden. Ideen, die die Schüler besser lernen lassen, die Sonntage vor Familienstreit wegen nicht erledigter Hausaufgaben retten, oder die zeigen, dass Lernziele nicht nur durch Tests erreicht werden können. «Statt, dass ich meine Geografieklasse die Aargauer Flüsse auswendig lernen liess, habe ich jedem Schüler eine A-Welle-Tageskarte in die Hand gedrückt plus eine Aufgabenliste, die sie in Gruppen selbstständig abarbeiten mussten. Als Beweis diente meist ein Selfie vor Ort», erzählt Burg.

Er kommt aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus. Mit diesem «Kratten» voller Ideen tritt er im August, nach einem Sabbatical-Jahr, eine Stelle als Lehrer in Niederlenz an, ebenfalls in einer Schule, die für ihre moderne Haltung bekannt ist. «Meine zehn Jahre als Schulleiter waren spannend und ich hatte mehrere neue Angebote als Schulleiter. Aber ich will wieder an die Basis, dort hin, wo ich am meisten bewirken kann», sagt Burg.