Schnitz und Drunder
Vom Pionierkreisel und alten Schulweggeschichten

Abtwil zählt nicht nur seit neustem 1000. Einwohnerinnen und Einwohner, sondern hat auch sonst viel Besonderes zu bieten. Schlechte ÖV-Verbindungen zum Beispiel. Das sorgt im kleinen Dorf im Oberfreiamt aber nicht für trübe Stimmung, sondern für viele schöne Geschichten. Genau wie der spezielle Doppelkreisel.

Melanie Burgener
Melanie Burgener
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Der Doppelkreisel in Abtwil wurde zum Wahrzeichen des Dorfes.

Der Doppelkreisel in Abtwil wurde zum Wahrzeichen des Dorfes.

Severin Bigler
(22. 07. 2021)

Der vergangene Mittwoch war ein geschichtsträchtiger in Abtwil. Nach jahrelangem Warten durfte die Gemeinde endlich ihre 1000. Einwohnerin begrüssen. Beim coronakonformen Apéro wurde die neue Abbelerin gleich über die Vorzüge des Dorfes aufgeklärt.

Der spezielle Doppelkreisel zum Beispiel, der vom Provisorium zum Wahrzeichen des Dorfes geworden ist. Eine offizielle Signalisierung, wie er zu befahren ist, gibt es nicht. Das programmiert die Unfälle vor, könnte man meinen – doch das Gegenteil ist der Fall. «Es fahren alle viel langsamer, auch die Lastwagen. Sie können zwar nicht gut im Kreis fahren und dürfen deshalb über die Markierung hinaus, aber hier fährt niemand zu schnell», stellt Gemeinderat Roland Bühler klar.

Ob das an der genialen Konstruktion des Kreisels oder doch eher an der Verwirrung ab der fehlenden Anzeigetafel liegt, wagt sich niemand zu sagen. Neuzuzügerin Aline Dianese fügt trotzdem an: «Ich habe kürzlich jemanden gesehen, der links herum in Richtung Sins um den Kreisel gekommen ist.»

Ihren Kindern wird dieser Fehler wohl nicht passieren. Sie lernen schliesslich gleich in den Fahrstunden, wie man dieses Verkehrsinventar befährt. Wer weiss, vielleicht wird das kleine Dörfchen im Oberfreiamt in puncto Verkehr plötzlich zur Vorzeigegemeinde. «Bald kommen Fahrlehrer aus dem ganzen Aargau her, um ihren Lernenden unseren Doppelkreisel zu zeigen», fantasiert Bühler lachend.

Ganz realitätsfern ist dieses Szenario wohl nicht, denn wahrscheinlich ist er der einzige Kreisel seiner Art in der Schweiz. «Nein», sagt Ammann Stefan Balmer mit erhobenem Finger und einem Schmunzeln. «In Uster gibt es auch einen. Besucht habe ich ihn allerdings noch nie.»

Auch von den Nachteilen im Dorf war am Mittwoch die Rede. Doch sogar diese schreiben in Abtwil schöne Geschichten, die man noch Jahre später gerne erzählt – und noch viel lieber hört. Viele davon sind auf dem Nachhauseweg von der Schule oder dem Ausgang in den Jugendzeiten der Frauen und Herren Gemeinderäte entstanden.

Abtwil sei ÖV-technisch nicht sehr gut erschlossen, und das werde sich auch nicht ändern, stellte der neue Gemeinderat Markus Gächter klar. In die Oberstufe nach Auw geht es für die Abtwiler Schulkinder meistens mit dem Velo. «Etwa zehn Minuten sind es auf dem Hinweg, retour den Berg rauf etwas mehr», schätzt einer der Anwesenden. Gemeinderat Roland Bühler lacht verschmitzt. «Bei mir war es meist eine halbe Stunde. Es gab unterwegs in Aettenschwil noch den Dorfladen, in dem man für 85 Rappen einen Liter Eistee bekommen hat.» Das schallende Gelächter klärt auf, dass er wohl nicht der einzige gewesen ist, dem es damals so ergangen ist.

Solche Geschichten wird bald auch die jetzige Generation Schulkinder erzählen können. Schliesslich erhält Abtwil bald wieder einen eigenen Dorfladen, der zudem noch digital bedient werden kann. Der erste in der Deutschschweiz, der nach diesem Konzept funktioniert. Gut möglich, dass es dann nicht mehr nur Kreiselbegeisterte von weit her ins Freiamt zieht.

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