Wohlen
Schneiderin am bbz: Mit viel Fantasie kommen sie gut durch

Obwohl in diesem Jahr nur zwei Schneiderinnen ihre Lehre am bbz abschliessen, stirbt dieser Job nicht aus.

Melanie Burgener
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Nicole Widmer (links) und Sophie Vermeulen sind die einzigen Diplomandinnen des Ateliers des bbz.

Nicole Widmer (links) und Sophie Vermeulen sind die einzigen Diplomandinnen des Ateliers des bbz.

Melanie Burgener

Die Diplomfeier vom Atelier des bbz Freiamt wird in diesem Jahr etwas kleiner ausfallen. Denn am Dienstag, 3. Juli, werden Nicole Widmer und Sophie Vermeulen die Einzigen ihres Jahrganges sein, die ihre Ausbildung als Bekleidungsgestalterinnen mit Schwerpunkt Damenbekleidung abschliessen und ihre Fähigkeitszeugnisse entgegennehmen können.

Auf den ersten Blick scheint es, als wären die beiden Diplomandinnen ein Zeichen dafür, dass das kreative Handwerk nun endgültig vom Aussterben bedroht ist. Dass die verhältnismässig günstigen Discount-Kleidergeschäfte überhandgenommen haben und ihre Kunden ihre Kleider lieber regelmässig durch neue ersetzten, als solche aus guter Qualität zu kaufen und sie bei Bedarf flicken zu lassen. «Das ist falsch», erklärt die Ingrid Arnold, Leiterin des Ateliers. Die Lehrstellen in diesem Gewerbe seien rar, doch die Arbeitsplätze seien in den vergangenen 40 Jahren kaum weniger geworden. «Es gibt heute noch etwa gleich viele Arbeitsstellen wie 1980, als ich meine Lehre abgeschlossen habe», erzählt sie.

Abendkleid bis Fasnachtsgwändli

Doch diese Stellen sind nicht unzählig. «Es gibt gute Möglichkeiten, nach der Lehre auf diesem Beruf weiter zu arbeiten. Jedoch habe ich beim Bewerben feststellen müssen, dass diese beschränkt sind», sagt Sophie Vermeulen. Für die beiden 19-Jährigen bedeutet das aber keinesfalls, dass sie sich künftig einer anderen Berufsgattung zuwenden müssten. Mit ein bisschen Fantasie findet man sogar ganz viele Berufe, in denen das Schneiderhandwerk nützlich sein und nicht nur in einem Atelier gebraucht werden kann. Denn was sie mit ihrem Talent alles können, sei eine Dienstleistung, die nach wie vor sehr geschätzt werde. «90 Prozent der Arbeiten, die wir hier im Atelier ausführen, sind Privataufträge», erzählt Arnold. So lassen Widmer und Vermeulen eine 15-jährige Jacke durch das Annähen von Kragen und Knöpfen wie neu aussehen. Sie kreieren Abendkleider aus feinsten Stoffen oder Gwändli für ganze Fasnachtscliquen.

Diese Fähigkeiten will Nicole Widmer künftig auch in einer anderen Branche anwenden. Sie möchte im Ausland studieren und sich so in Richtung Film und Setdesign weiterbilden. «Auch da nützen mir die Kentnisse über die verschiedenen Stoffe und dass ich weiss, wie ich sie verarbeiten kann, viel.» Für Sophie Vermeulen geht es nach der Lehre zur Weiterbildung an die schweizerische Textilfachschule nach Zürich. Nebenbei möchte sie in einem Atelier arbeiten. Demnächst wird sie ein Praktikum bei einem Label in Basel beginnen.

Keine Sorge um ihre Zukunft

Um die Zukunft ihrer Schützlinge braucht sich Arnold also trotz den begrenzten Stellen keine Sorgen zu machen. Sie sei immer wieder überrascht, wie viele ihrer ehemaligen Lehrlinge noch immer auf diesem oder einem verwandten Beruf arbeiten. «Sie kommen uns oft hier im Atelier besuchen», freut sich Arnold. Nicht nur die Arbeitsplätze, sondern auch die wenigen Lehrstellen als Schneiderin oder Schneider sind beliebt. Momentan beschäftigt Arnold 14 Lernende in ihrem Atelier im Berufsbildungszentrum. «Normalerweise sind es rund ein Dutzend, aber momentan haben wir Full House.»

Wenn sie nicht gerade Aufträge von Kunden bearbeiteten, haben die Lernenden in Arnolds Atelier Zeit, eigene Stücke zu kreieren, die sie am Modeapéro vorführen und den Kundinnen verkaufen. Nebenbei feilen sie für Zwischenprüfungen an ihrer Methodik. «Leider hatten wir während den Prüfungen wenig Zeit, für uns selber zu nähen», bedauert Vermeulen. Jetzt freut sie sich, die Stoffe, die zu Hause auf sie warten, zu verarbeiten.