Rottenschwil
Schnabel-zu-Schnabel-Propaganda wirkt: Flachsee gilt in der Vogelwelt als Hotspot

Der Flachsee gilt in der Vogelwelt als Hotspot fürs Brutgeschäft oder auch nur für den Winterurlaub.

Christian Breitschmid
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Brutvögel im Freiamt
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Der Kiebitz wird immer seltener. Am Flachsee findet man ihn aber noch.
Thomas Burkard, Stiftung Reusstal «Es kommt mir so vor, als würden die Vögel es untereinander weitersagen, dass man am Flachsee gut leben kann.»

Brutvögel im Freiamt

Werner Scheuber

Der Sommer ist vorbei. Die Zugvögel sammeln sich auf den Drähten und machen sich bereit für den Flug in den Süden. Was viele Menschen eher traurig stimmt, ist für Thomas Burkard, Leiter Information und Aufsicht bei der Stiftung Reusstal, ein Grund zur Freude: «Frühling und Herbst sind die Zugvogelzeiten. Im Herbst machen viele Vögel, die aus dem Norden oder Nordosten in den Süden fliegen, bei uns am Flachsee halt. Und es kommen jetzt langsam auch die Wintergäste angeflogen.» Für ihn und seine 15 Mitarbeiter ist der Winter genauso spannend wie der Rest des Jahres: «Die Wintergäste kommen meist in grösseren Schwärmen. Jedes Jahr zum Beispiel die Tafel- und die Reiherenten. Die Weissstörche, die im Reusstal überwintern, sammeln sich gerne zum Übernachten am Flachsee. Manchmal stehen 70 oder 80 Tiere dicht an dicht auf der Hufeiseninsel beieinander.»

Monatliche Zählung

Jeden Tag ist einer von Burkards Mitarbeitern draussen unterwegs, um im grössten Schwemmlandbiotop der Reussebene nach dem Rechten zu sehen (siehe Artikel links). Jeweils in der Monatsmitte zählt Arthur Ingold, ein weiteres Mitglied der Gruppe Information und Aufsicht, alle Vögel zwischen Bremgarten und der Werdbrücke. Diese Zählungen betreibt die Ornithologische Arbeitsgruppe Reusstal (OAR) nach standardisierter Methode seit Beginn der 70er-Jahre. Die Daten werden fortlaufend an die Vogelwarte Sempach und an den Kanton weitergeleitet. So sind Veränderungen in Verhalten und Bestand bei den Zug- und Brutvögeln am Flachsee erkenn- und nachvollziehbar.

Reusstal-Rangers passen auf

Natur-Schutzengel heissen sie auf der Website der Stiftung Reusstal, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Gruppe Information und Aufsicht. Sie sind täglich im Einsatz, um die korrekte Umsetzung des Reusstaldekrets und der Reusstal-Schutzverordnung zu kontrollieren. An oberster Stelle steht dabei die Information. Wie in grossen Nationalparks üblich, unterrichten die Reusstal-Rangers die Besucher des Flachsees gerne und kompetent über alle Besonderheiten dieses Naturschutzgebietes. An ihren blauen Mützen und Oberteilen gut erkennbar, geben sie wissbegierigen Naturfreunden Auskunft. Sie machen aber auch auf Vorschriften, Ge- und Verbote aufmerksam. Bei gravierenden Verstössen können sie fehlbare Mitmenschen verwarnen oder auch verzeigen. Die Gruppenmitglieder arbeiten im Stundenlohn und werden unterstützt von der Ornithologischen Arbeitsgruppe Reusstal (OAR), die weitgehend ehrenamtlich ihren Aufgaben rund um den Flachsee nachkommt. (ian)

Aus den Bestandesaufnahmen lässt sich ablesen, dass Frühling und Sommer 2017 keine besonderen Sichtungen aufweisen. Aber sie bestätigen die Beobachtungen der letzten Jahre: «Zum Beispiel die Mittelmeermöwen», sagt Burkard, «kamen vor einigen Jahren als Gäste an den Flachsee, vereinzelt nur, und im Winter gingen sie wieder. Die aktuelle Zählung weist nun rund 50 Brutpaare auf. Sie nisten auf den beiden Inseln im Flachsee. Eigentlich hätten wir gerne die heimische Lachmöwe da angesiedelt, denn die ist ziemlich bedroht. Aber die Natur lässt sich nicht zwingen.» Die wachsende Mittelmeermöwenpopulation ist auch eine Gefahr für den einheimischen Kiebitz, der einerseits dieselben Nistplätze beansprucht wie die Möwen, dessen Junge aber auch noch Nestflüchter sind. So wird so manches Kiebitzküken zur leichten Beute für hungrige Möwen.

Werkhof pflegt die Brutstätten

So wie die Möwen aus Europas Süden eingewandert sind, so kam der Silberreiher aus dem Osten. «Das Reusstal ist ein Hotspot für Silberreiher», erklärt Burkard. «Einen Nistplatz haben wir bisher noch keinen entdeckt, rechnen aber jedes Jahr damit.» Was aber passiert, wenn eine Art Überhand gewinnt und andere Arten gefährdet? «Wir erheben nur die Daten», sagt Burkard dazu, «wir greifen nicht ein. Wenn unsere Erhebungen Anlass zu Bedenken geben, dann können wir eine wissenschaftliche Untersuchung via Vogelwarte oder durch den Kanton anregen. Daraus erwachsen allfällig notwendige Massnahmen.»

Momentan fühlen sich am Flachsee die Teich- und Sumpfrohrsänger, die Zwerg- und Haubentaucher, der Kiebitz und der Flussregenpfeifer, der Eisvogel, aber auch die Stockente, der Höckerschwan und das «Taucherli» noch pudelwohl. Damit das so bleibt, rückt die Unterhaltsequipe des Werkhofs Rottenschwil im Auftrag des Kantons regelmässig aus, um die Schlick- und Kiesflächen des Flachsees als Vogelkinderstuben gut einzurichten.