Es ist angenehm warm in der Industriehalle in Arni, ein Klima wie in den Ferien. Einigen Bewohnern möchten die meisten Urlauber auf dem Ausflug in den Dschungel oder auf der Wüstensafari aber wohl lieber nicht begegnen: Eine Speikobra richtet sich auf und sieht zu, wie Michel Lüscher mit den Händen gestikuliert. Es scheint ihr nicht zu passen, was er zu erzählen hat – sie spuckt ihr Gift in seine Richtung, es bleibt an der Scheibe kleben. Die «alte Dame», wie Lüscher die 19-jährige Madagaskarboa nennt, ist über den Besuch wesentlich erfreuter. «Für sie bin ich wie eine Bettflasche», sagt Lüscher, während sich die Schlange um seinen Hals windet und ihren Kopf auf seinen legt.

Zwischen 400 und 600 Schlangen leben in der Zucht, die Michel Lüscher zusammen mit Rolf Ringger betreibt. Auch einige Vogelspinnen, Chamäleons und Geckos haben ihr vorübergehendes Zuhause in Arni. Der grösste Teil sind aber Würgeschlangen wie Königspythons oder Boas. Es gibt aber auch rund 50 Giftschlangen, darunter Kobras und Klapperschlangen. Diese verkaufen die beiden an Privatleute. Allerdings braucht man dafür eine Halterbewilligung: In einem zweitägigen Theoriekurs werden der Umgang, besondere Sicherheitsaspekte und die Gesetze erklärt. Zusätzlich braucht es viel Erfahrung. Ringger und Lüscher bieten deshalb auch an, dass man bei ihnen mit ungiftigen Schlangen üben kann.

220 Halter von Giftschlangen registriert

«Es gibt viele Sachen, die kann man nicht nachlesen», sagt Lüscher. «Man kann die Tiere schlecht einschätzen, sie haben keine Mimik – am gefährlichsten ist Routine.» Damit meint Lüscher, dass man immer vorsichtig bleiben muss. Er lege sich immer einen Plan zurecht. «Du kannst nicht mit der Klapperschlange am Haken dastehen und dann erst merken, dass dir für die Transportbox der Deckel fehlt.»

In der Schweiz sindrund 220 Halter von Giftschlangen registriert. Ein Grossteil der Unfälle mit Giftschlangen passiert in freier Wildbahn und nicht mit Tieren, die zu Hause gehalten werden. Damit bei einem Unfall das entsprechende Gegengift vorhanden ist, gibt es den Verein Serum-Depot Schweiz, in der Lüscher auch Mitglied ist.

Gebissen wurden Ringger und Lüscher schon diverse Male – allerdings nie von Giftschlangen. «Schuld ist immer der Mensch – das Tier verteidigt sich nur», so Lüscher. Es gebe auch keine aggressiven Tiere – «nur verschiedenes Jagd- und Abwehrverhalten.»

Was ist die Faszination an den giftigen Tieren? «Viele giftige Tiere sind halt schön. Es sind Tiere zum Beobachten, die man nicht verändern kann. Und mich interessiert auch die ganze Toxikologie, die Verwendung in der Medizin.» Die wahre Begeisterung wird aber erst auf dem Rundgang durch die Terrarienlandschaft deutlich. Lüscher erzählt ununterbrochen, weiss von jeder Schlange den lateinischen Namen, ihre Eigenheiten, ihr Verhalten. Als sich die Kobra aufbäumt und majestätisch ihren Hals zu einem Oval formt, leuchten Lüschers Augen. Er vergleicht sein Hobby gerne mit einem Sportwagen: «Man braucht eine Bewilligung, genau wie den Führerschein. Und man muss vorsichtig damit sein, Alkohol und Drogen haben da nichts verloren.» Statt stundenlang an einem Wagen zu schrauben, beschäftige er sich eben lieber mit den Tieren.