Wohlen
Sanierung sei zu teuer: Kirchenpflege plädiert für Abriss des Chappelehofs

Eine Sanierung des Chappelehofs sei zu teuer und ein Neubau zweckmässiger, meint das Gremium. Deshalb soll er abgerissen werden.

Nicola Imfeld
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Bis heute hat sich nicht viel verändert. Nur das Logo ist weg und die Bäume sind üppiger.

Bis heute hat sich nicht viel verändert. Nur das Logo ist weg und die Bäume sind üppiger.

Nicola Imfeld

Vor zwei Jahren zeigte sich die Wohler Kirchenpflege noch offen gegenüber den Sanierungsplänen für das Pfarreizentrum Chappelehof. Insgesamt 14,8 Millionen Franken würde die Renovierung kosten, zu der die Kirchgemeinde rund die Hälfte beisteuern müsste. Doch dieses Vorhaben wird nun über den Haufen geworfen: Die Kirchenpflege hat an ihrer letzten Sitzung beschlossen, für einen Neubau des Chappelehofs zu plädieren. Das bedeutet im Umkehrschluss: Das über 50-jährige Gebäude müsste abgerissen werden.

Der Chappelehof früher und heute:

Die Kirchenpflege hat bereits im Juni 2016 angekündigt, das Sanierungsvorhaben überprüfen zu wollen. «Uns ist bewusst, dass der Chappelehof einen hohen und dringenden Renovationsbedarf aufweist», sagt Josef Brunner, Präsident der Kirchenpflege. «Aber ein Investitionsbetrag von sieben Millionen Franken übersteigt die Möglichkeiten der Kirchgemeinde und würde zu einer kräftigen Steuererhöhung von bis zu 7 Prozent führen», erläutert er den Entscheid.

Zwei Architekten – zwei Meinungen

Auch der katholische Pfarrer von Wohlen, Kurt Grüter, unterstützt den Beschluss. Er ist Mitglied der Kirchenpflege und war bei der entscheidenden Sitzung dabei. «Es ist uns nicht leicht gefallen, aber weil ein Neubau gleich teuer oder sogar noch günstiger käme, ist dies langfristig eine sinnvolle Lösung.» Als ehemaliger Architekt sei es ihm wichtig, dass der Neubau kein «0815-Gebäude» werde. Grüter schwebt ein Architekturwettbewerb vor, bei dem man den «elegantesten und frischesten» Vorschlag auswählen könnte.

Hans Furter, Architekt

Hans Furter, Architekt

AZ

Ein ehemaliger Berufskollege von Kurt Grüter sieht einem Abriss des Chappelehofs nicht so gelassen entgegen. Für den Architekten Hans Furter kommt dieses Vorhaben einer Katastrophe gleich: «Das Gebäude gehört architektonisch, aber auch bezüglich seiner vielfältigen Nutzungen zu den wertvollsten Häusern in Wohlen», sagt er auf Anfrage. Und weiter: «Das Gebäude genügt auch 50 Jahre nach seiner Entstehung höchsten gestalterischen Ansprüchen. Ausserdem erzählt dieses Wohler Generationenhaus fünf Jahrzehnte Kirchen-, Vereins-, Jugend- und Kulturgeschichte. Diese Aura kann niemals durch einen Neubau ersetzt werden. Es muss darum unter allen Umständen davon abgesehen werden, den Chappelehof abzureissen.» Er gehöre als modernes Architekturdenkmal genauso zum Dorfbild von Wohlen wie die Villa Isler, das Emanuel-Isler-Haus oder die Kirchen. Hans Furter glaubt auch nicht daran, dass ein ansprechender Neubau für 15 Millionen Franken realisiert werden könnte. «Vielleicht ist es möglich, ein neues Gebäude für heutige Bedürfnisse zu bauen zum Preis der Sanierungskosten, aber niemals mit dieser Vielfalt und sensiblem Umgang mit gestalterischen Details.»

Abriss ist tabu für Verein St. Leonhard

Dass der Chappelehof einem Neubau weichen muss, ist trotz des Entscheides der Kirchenpflege unwahrscheinlich. Das letzte Wort hat der Verein St. Leonhard, der für das Land bis ins Jahr 2061 ein Nutzungsrecht hat. Paul Huwiler, Vereinspräsident und Wohler Vizeammann, sagte schon an der Generalversammlung 2015, ein Abriss des Chappelehofs mit Neubau käme für den Vorstand nicht infrage. Dass die Kirchenpflege nun trotzdem für einen Neubau plädiert, kommt für ihn überraschend. Der Standpunkt des Vereins sei aber der Gleiche wie vor anderthalb Jahren. «Ein Mehrheitsentscheid des Vorstandes will eine Sanierung. Ein Abriss wurde aus verschiedenen Gründen aktiv verworfen.» Ohne die 7 Millionen Franken der Kirchgemeinde dürfte eine Sanierung des Chappelehofs allerdings schwierig werden.

Paul Huwiler, Präsident Verein St. Leonhard

Paul Huwiler, Präsident Verein St. Leonhard

AZ

Der Bau des Chappelehofs war eine Pioniertat

Der Chappelehof ist nicht nur architektonisch ein kleines Wahrzeichen Wohlens. Seine Geschichte beweist den fortschrittlichen Geist, den das Dorf so gerne verkörpern würde – und immer mehr tut. Denn das Pfarreizentrum Chappelehof war eine Pioniertat. Initiative Wohler Katholiken hatten sich am 10. Oktober 1962 zu nächtlicher Stunde zu einer Aussprache über aktuelle Fragen mit Pfarrer Emil Obrist getroffen. Rasch beschlossen sie, ein Initiativkomitee für den Bau eines Pfarreiheimes und der ersten Alterswohnungen im Dorf zu gründen. Die Gläubigen waren vom Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils inspiriert, das die Gemeinschaft in den Vordergrund gerückt hatte.

Hochhaus war nicht denkbar

Die Initianten des Chappelehofs dachten gründlich, schnell und handelten auch so: Schon am 5. Dezember 1962 gründeten sie eine Studienkommission. Elf Tage später bewilligte die katholische Kirchgemeindeversammlung einen Kredit von 8000 Franken für die Projektierungsarbeiten. Neun Wohler Architekturbüros erhielten den Auftrag, ein Projekt zu entwerfen. Das Projekt «St. Leonhard 3» der Beriger Architekten gewann den Wettbewerb. Das Siegerprojekt musste nach Einsprachen jedoch abgeändert und um das dritte Obergeschoss für die Alterswohnungen auf dem Nordtrakt reduziert werden. «Das Baugrundstück neben dem unter Denkmalschutz stehenden Emanuel-Isler-Haus, das die Kirchgemeinde 1947 zusammen mit den angrenzenden Liegenschaften gekauft hatte, stellte die Architekten vor eine zwar reizvolle, aber schwierige Aufgabe. Die dominierende Stellung der Kirche musste erhalten werden und das Emanuel-Isler-Haus in seiner repräsentativen Erscheinung nicht beeinträchtigt werden», schrieben die Architekten in der Festschrift, die 1967 zur Einweihung des Chappelehofs erschien. Und weiter: «Ein Hochhaus wäre diesen Forderungen nicht gerecht geworden.»

Alterswohnungen, Pfarreiräume, der Saal, ein Laden und das Restaurant (seit elf Jahren die Kulturbeiz) mussten im gleichen Gebäude untergebracht werden. Die Baukosten betrugen 3,6 Millionen Franken, die Kirchgemeinde beteiligte sich mit 1,2 Millionen.

Verein hat zu wenig Eigenmittel

Heute, 50 Jahre später, braucht das Gebäude eine Gesamtsanierung für mehrere Millionen Franken. Seit Jahren geistert die Zahl 14,8 Millionen als Schätzung für einen Sanierungskredit herum. Sie stammt vom Architekturbüro Furter Eppler Partner in Wohlen, die sie 2013 errechnet haben. Dem Verein St. Leonhard, für die Betriebsführung im Chappelehof verantwortlich, fehlen dazu die Eigenmittel. So war gedacht, dass die Kirchgemeinde einen grossen Teil von 7 Millionen für die Sanierung übernehmen sollte. Doch dies hat sie nun abgelehnt. (Andrea Weibel und Jörg Baumann)