Wohlen
Ruedi Wenger beweist: Skifahren ist auch auf einem Bein möglich

Ruedi Wenger (60) war ein Pionier des Behindertensports – und er ist heute noch aktiv. Er sagt: «Ein Leben ohne Sport ist wie ein Mittagessen ohne Dessert.»

tabea baumgartner
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Ruedi Wenger wurde 1976 Schweizer Meister der Beinamputierten. zvg

Ruedi Wenger wurde 1976 Schweizer Meister der Beinamputierten. zvg

Schon vor 35 Jahren wagte sich ein junger Mann nach einem schweren Unfall und einer Beinamputation auf die Piste – damals war das eine Pionierleistung. «Meine brennendste Frage nach meinem Töffunfall war, ob ich je wieder Skifahren kann», berichtet Ruedi Wenger aus Wohlen. Er gehörte zu den ersten Patienten der Rehaklinik Bellikon.

«Dort begann ich Sitzball zu spielen», erzählt Wenger. Denn: «Das Leben ohne Sport ist wie ein Mittagessen ohne Dessert.» Einzeltherapien gab es damals noch nicht. Überhaupt wurde dem Sport in der Rehabilitation wenig Beachtung geschenkt.

«Nach 10 Metern hingefallen»

Der Wunsch des Skifahrens liess Wenger nie los. Ein Trainer besorge ihm «Krückenski». Er packte diese, fuhr in die Berge, schraubte sie
zusammen und wagte dann die erste Abfahrt: einbeinig, mit zwei Krückenski. «Nach 10 Metern bin ich hingefallen», erzählt Wenger.

Niemand habe ihm erklärt, wie Skifahren nach einer Beinamputation sollte. Doch Wenger war schon vor seinem Unfall ein begeisterter Skifahrer und lernte schnell. Tatsächlich: Kurz darauf gewann Wenger die Schweizer Meisterschaft im Slalom, Kategorie «Oberschenkelamputierte». Es war im Jahr 1976 die erste offizielle Schweizer Meisterschaft im Behindertenskisport überhaupt.

Teilnehmer an den Paralympics

«Da gab es noch Haselstecken-Pfosten», sagt der Skipionier und lacht herzhaft. Wenger startete im selben Jahr an den Winterparalympics in Schweden und war fortan für den Skisport unterwegs, von Deutschland über Tschechien bis nach Kanada.

Der Behindertensport steckte damals noch in den Kinderschuhen. In der Region Wohlen gab es keine Sportangebote für Behinderte. 1976 gründete Ruedi Wenger den «Behinderten Sportclub Wohlen - Lenzburg», heute ist er deren Vizepräsident. Nebenbei setzte sich für den Skisport ein: Er organisierte Einsteigerkurse für Behinderte, die noch heute von Plussport durchgeführt werden «Dafür brauche ich kein Dankeschön», sagt Wenger. «Die Augen der Menschen, die glänzten vor Freude, gaben mir genug zurück.» Wenger sinnt einen Augenblick. «Ich war einfach angefressen von dem, was ich mache: ein Träumer, ein Illusionist.»

Er begrüsse das Engagement, das die Suva heute im Bereich des Sportes leistet. «Die Ideen und die Initialzündung sollen von aussen kommen. Schliesslich muss aber jeder seine Chance selber wahrnehmen.»

Skifahren nach Herzoperation

Nach einer schweren Herzoperation im letzten Jahr musste der 60-Jährige den Taxiführerschein abgeben, weil seither ein Arm leicht gelähmt ist. Nichtsdestotrotz fuhr er im Januar wieder in die Berge, um auf seine Ski zu stehen. Wenger: «Es soll immer weitergehen im Leben.»