Schwerstbehindertenheim

Roth-Haus Muri: vielleicht der zufriedenste Heimleiter

Heimleiter Uwe Tischer zusammen mit Manfred, einem in Muri bekannten Bewohner des Roth-Hauses; im Hintergrund die Beschäftigungsstätte.

Heimleiter Uwe Tischer zusammen mit Manfred, einem in Muri bekannten Bewohner des Roth-Hauses; im Hintergrund die Beschäftigungsstätte.

Uwe Tischer führt das 20 Jahre alte Schwerstbehindertenheim Roth-Haus in Muri seit nunmehr 18 Jahren.

Im Roth-Haus, Wohnheim mit Beschäftigungsstätte für Schwerstbehinderte in Muri, ist in den letzten 20 Jahren eines praktisch gleich geblieben: das Leitbild. Vier Sätze, vier Grundsätze. Genial habe es der Stiftungsrat damals formuliert, kurz, aussagekräftig, präzise. Überhaupt: «Die haben vor 20 Jahren einen tollen Job gemacht», sagt Uwe Tischer, der seit 18 Jahren das Heim leitet. Sie hätten die Strukturen so geschaffen, dass sie bis heute überzeugten. Er erwähnt Agatha Wernli, damals Direktorin der Pflegi, Heidi Etter, die erste Stiftungsratspräsidentin, deren Nachfolger Benedikt Stalder und seit 2010 den heutigen Präsidenten Harold Külling. «So ist es toll, das operative Geschäft zu leiten.» Ist Tischer also der glücklichste Heimleiter im Freiamt? «Das weiss ich nicht», lacht er, «aber ich bin vielleicht der zufriedenste.»

Einen grossen Anteil daran tragen das Kader und die Belegschaft. «Es gibt in unserem Bereich nicht das einzig Richtige», unterstreicht Tischer. Es sei wie bei der Frage nach dem richtigen Erziehungsstil. «Sowohl autoritär als auch leger sind innerhalb gewisser Grenzen richtig. Im Roth-Haus haben wir eine Gesprächs- und Konfliktkultur entwickelt, die ohne dauernde Grundsatzdiskussionen auskommt». Es herrsche ein Grundkonsens, der zu grosser Kontinuität sowohl im Kader als auch in der übrigen Belegschaft führe. Im Leitbild ist das in einem einzigen Satz umrissen: «Wir pflegen einen wohlwollenden, wertschätzenden Umgang.» Tischers Rezept: «Ich selber brauche Entscheidungsfreiheit und damit Vertrauen, umgekehrt bin ich dem Stiftungsrat gegenüber sehr transparent und informiere über alle bedeutsamen Dinge. Diese Grundhaltung gebe ich auch an die Teamleitung weiter.» Im Leitbild steht dazu: «Wir handeln und kommunizieren offen und transparent.» Ein weiterer Grundsatz ist: «Wir achten Rechte und Würde aller.» Für Tischer und sein Team «eine Selbstverständlichkeit», wie er betont.

Bonus für Angestellte

Das Roth-Haus ist auch ein bisschen «Parship», bekannte Partnervermittlung, wie Tischer lachend feststellt. Aus Freundschaften unter Angestellten sind in den letzten 20 Jahren fünf Ehen hervorgegangen. Aktuelles Highlight: Am Dienstag hat der Stiftungsrat beschlossen, zum 20-Jahr-Jubiläum allen Angestellten einen Jubiläumsbonus auszuzahlen. Alles super also im Roth-Haus? «Irgendwie ja», stellt Tischer fest, «inklusive grosse Kundenzufriedenheit. Trotzdem läuft natürlich auch im Roth-Haus nicht alles problemlos und fehlerfrei.» Entscheidend sei jedoch das Ausmass der Schwierigkeiten und wie man mit den Fehlern und Problemen umgehe. Das klappe gut, weil er und das ganze Team stets viel Unterstützung durch den Stiftungsrat erfahren haben. «Wir haben immer auch ein bisschen Glück gehabt.» Der 54-jährige Heimleiter dachte deshalb in den letzten 18 Jahren nicht ein einziges Mal daran, die Stelle zu wechseln. «Weshalb sollte ich?» Er erlebe immer wieder neue Herausforderungen, könne mit einem tollen Team im Haus zusammenarbeiten, geniesse Bewegungsfreiheit und Unterstützung durch den Stiftungsrat. Daran, glaubt er, werde sich auch in naher Zukunft nichts ändern. Als nächste, grosse Herausforderung steht der Bau eines Anbaus an das Wohnheim an.

Eigentlich ideale Verhältnisse

Wünsche oder besser Vorstellungen hat der zufriedene Heimleiter trotzdem: «Eine grosse Durchlässigkeit zwischen der Pflegi, dem Roth-Haus und dem Murimoos wäre in verschiedener Hinsicht von Vorteil.» Konkret: Es mache keinen Sinn, im Roth-Haus eine Pflegeabteilung zu führen für den Fall, dass ein schwerstbehinderter Mensch massive medizinische Pflege benötigt. Dieser sollte, unabhängig vom Alter, in der Pflegi Aufnahme finden können, auch wenn er schwerst behindert ist. Anstatt einen Menschen, wieder unabhängig von Alter und Geschlecht, in der eigenen Beschäftigungsstätte zu unterfordern, wäre er vielleicht besser in einer Arbeit im Murimoos aufgehoben, auch wenn er weiterhin im Roth-Haus wohnen würde. Die Vision «Gesundes Freiamt», welche im medizinisch-sozialen Bereich ein zukunftweisendes Modell für die Bevölkerung und die Versorgungspartner der Region etablieren möchte, geht für ihn in die richtige Richtung. «Wir sollten und könnten das koordinieren, wir haben im oberen Freiamt dafür ideale Verhältnisse – inklusive Akutspital.» Im Leitbild des Roth-Hauses ist eigentlich auch das in einem Satz umschrieben: «Wir setzen die zur Verfügung stehenden Mittel wirkungsvoll und effizient ein.» Und damit wäre das inzwischen 20-jährige Leitbild bereits vollumfänglich abgedruckt.

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