Wer die alte Reussbrücke im Gnadenthal überquerte, sei es mit dem Auto oder zu Fuss gewesen, hatte ein mulmiges Gefühl: Rost an den zerfressenen Eisenträgern vermittelte kein grosses Gefühl von Sicherheit. Dennoch versah die altersschwach gewordene Stahlfachwerkbrücke zwischen Niederwil und Stetten bis zuletzt ihren Dienst. Jetzt ist sie verschwunden, innerhalb weniger Wochen rückgebaut worden.

Umgebaut, repariert und verstärkt

Mit schwerem Gerät ging der Bautrupp im Gnadenthal Mitte September an den Abbruch der 107-jährigen Brücke. Die Konstruktion war ursprünglich für Lasten bis zu einem Gewicht von 4 Tonnen ausgelegt. Im Lauf der Jahre wurde die einspurig befahrbare Brücke mehrfach umgebaut, repariert und schliesslich für Verkehrslasten bis 18 Tonnen verstärkt. Die letzte grosse Instandsetzung erfolgte im Jahr 2000 mit dem Ziel, die Restlebensdauer um rund 10 Jahre zu verlängern. Da der Bau der neuen Brücke jedoch auf sich warten liess, mussten im November 2011 infolge der starken Verschlechterung des Brückenzustands dringend Verstärkungsmassnahmen ausgeführt werden.

Gnadenthal: Millimeter-Arbeit Brückenbau

Gnadenthal: Millimeter-Arbeit Brückenbau

Am Freitag wurde der Mittelteil der neuen Reussbrücke im Gnadenthal eingesetzt. Viele Zuschauer beobachteten die Präzisionsarbeit.

Trotz den Reparaturen blieb die Brücke in einem schlechten Zustand, wies sie doch auf der gesamten Länge starke Korrosionsschäden auf. Schliesslich war es gar nicht mehr möglich, alle schadhaften Bauteile instand zu setzen oder auszutauschen. Aus Sicherheitsgründen musste im März 2012 das bestehende Betriebskonzept mit der bisherigen generellen Gewichtslimite von 18 Tonnen angepasst werden. Zudem war das Brückenbauwerk bei Hochwasser stark gefährdet und aus Sicherheitsgründen jeweils gesperrt.

Die Brückenteile wurden demontiert, und ein Radbagger, der von einem Schwimmponton mitten im Fluss aus operierte, baute zuletzt noch den mit Eisen armierten Betonpfeiler ab. Zusammenhängende Teile wurden kontrolliert ins Flussbett abgesenkt. Dieses Abbruchmaterial wurde am Schluss vom Bagger wieder aus dem Fluss gezogen und anschliessend korrekt entsorgt, wie Gilbert Scherrer, Baustellenchef der Arbeitsgemeinschaft Rothpletz Lienhard, Aarau, und H. Graf, Zufikon, gegenüber der az bestätigten.

Hier werden 35 Tonnen Stahl versetzt

Hier werden 35 Tonnen Stahl versetzt

18.03.2016 – Versetzungsarbeiten des letzten Stahlbauelements der neuen Gnadenthal-Reussbrücke bei Stetten. Die Arbeiten lockten einige Schaulustige an.

Regenbecken, Parkplätze, Biotope

Der Abbruch der alten Brücke im Gnadenthal erfolgte termingemäss, doch sind laut Mauro Spada, Projektleiter bei der Sektion Brücken und Tunnel im Departement Bau, Verkehr und Umwelt des Kantons, noch einige Anpassungs- und Umgebungsarbeiten damit verbunden. So wird das unterirdische Regenbecken beim ehemaligen Brückenkopf auf der Niederwiler Seite durch einen grösser dimensionierten Neubau ersetzt. Neben dem Restaurant Gnadenthal wird der Parkplatz für rund 50 Fahrzeuge neu gestaltet und die provisorische Autoabstellfläche aufgehoben. Der Kiesplatz auf der Stetter Seite der Brücke verschwindet ebenfalls; dort entsteht eine ökologische Ausgleichsfläche mit drei kleinen Biotopen.

«Wieder mehr Lastwagen, aber . . .»

Seit 8 Wochen rollt also der Verkehr im Gnadenthal über die neue, 100 Meter lange Stahlbeton-Verbundbrücke. Wie das Verkehrsaufkommen in Stetten registriert wird, erfuhr die az von Gemeindeammann Kurt Diem auf Anfrage: «Einige Leute sagen, dass wieder mehr Lastwagen durchs Dorf fahren. Das ist schwierig zu beurteilen, da während des Baus der neuen Brücke von Niederwil her gar kein Lastwagenverkehr mehr herrschte. Jetzt ist das Empfinden halt wieder anders.»

In einem halben Jahr gibt es eine Verkehrserhebung, die Vergleiche mit Fahrzeugzahlen vor und nach dem Bau der neuen Gnadenthal-Brücke ermöglichen.