Gnadenthal
«Rösseler» mit Leib und Seele: Kaum ein Tag, ohne Kontakt zu Pferden

Für Josef Helfenstein, Patient im Reusspark, sind Pferde die grosse Leidenschaft. Seit er ein kleiner Bub war, ist er dem «Rösseler-Virus» verfallen. Als stolzer Dragoner ersteigerte er sich seinen Eidgenossen und ging mit ihm durch dick und dünn.

selina mosimann
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Für Josef Helfenstein ein Segen: Die Pferde des Reussparks bereiten ihm jeden Tag Freude. Selina Mosimann

Für Josef Helfenstein ein Segen: Die Pferde des Reussparks bereiten ihm jeden Tag Freude. Selina Mosimann

Jeden Morgen setzt sich Josef Helfenstein an seinen Platz vor dem Kamin und schlägt die Zeitung auf. Zwar ist es nicht sein eigener Ofen, aber die Nische im Pflegezentrum Reusspark im Gnadental tut es alleweil.

Als Erstes durchsucht er die Seiten nach Geschichten über Pferde, insbesondere Artikel der Springreiterei interessieren ihn. Obwohl er sich später auch den internationalen Schlagzeilen widmen wird, lassen ihn die Neuigkeiten der Welt erst einmal kalt.

«Es ist ein Jammer, es steht viel zu wenig über Pferde in der Zeitung». Für ihn bedeuten Pferde alles. Als kleiner Bub setzte ihn der Vater auf den breiten Rücken des Familienpferdes und nahm ihn mit aufs Feld.

Was heute fast unmöglich scheint, hat die junge Familie geschafft: Sie bewirtschafteten 15 Hektaren Ackerland ohne Traktor, dafür mit zwei starken Pferden. «Was die jeden Tag leisten mussten, ist unglaublich», erinnert sich der 66-Jährige. Als er dann mit 17 Jahren die landwirtschaftliche Lehre bestand, schenkte ihm sein Vater das erste eigene Pferd. Stolz ritt er damit nach Hause.

Durch dick und dünn

Die familiäre Idylle auf dem gemieteten Bauernhof in Wileregg findet ein abruptes Ende. Der Inhaber des Anwesens, ein Bankdirektor aus Luzern, verkaufte Hof und Land an einen Neureichen aus Spreitenbach und die fünfköpfige Familie musste ausziehen.

In Rüstenschwil bauten sie ein neues Zuhause und Josef errichtete für die Pferde eine Scheune. Weder seine zwei Brüder noch die Schwester konnten Interesse an den Pferden aufbringen, während bei dem damaligen Jüngling die Liebe zu den Vierbeinern nie abriss. Im Gegenteil: Eines Tages entdeckte er das Springreiten und von da an gab es kein Halten mehr.

Zuerst musste aber die Rekrutenschule absolviert werden. Für Josef Helfenstein ein Leichtes: Zusammen mit seinem «Eidgenoss», einem Pferd namens Weimar, durchlief er als Dragoner in der Kavallerie die Ausbildung. «Ich bin mit diesem Pferd durch dick und dünn gegangen, und am Ende ersteigerte ich es und nahm es mit nach Hause.» Dort nahmen die beiden Hürde um Hürde, endlich konnten sie beweisen, was sie zusammen zu schaffen vermochten.

Viel geopfert für die Pferde

Schnell packte ihn der Wettkampfgeist, er bildete zwei weitere Pferde aus und nahm an nationalen Springkonkurrenzen teil. «Ich mag mich noch gut daran erinnern, als ich eine Auszeichnung für den schönsten Reitstil gewann. Das war eine besondere Ehre.» Wie sicher er sich auf dem Pferderücken fühlte, bewies er, als er ein Springturnier ohne Sattel gewann. Im Sommer 1973 heiratete er seine Freundin aus dem Nachbardorf und einige Jahre später kam das Töchterchen Susanne auf die Welt.

Die Ehe wurde nach 14 Jahren geschieden. «Für die Pferde habe ich viel geopfert, wahrscheinlich zu viel. Keinen Tag hatte ich frei und die Wochenenden gehörten den Turnieren», erzählt er.

Ich vermisse die Pferdeszene

Heute verbietet ihm die operierte Hüfte das Reiten. Wehmütig sagt er: «Mir fehlt es, durch die Wälder getragen zu werden, die gesunde Luft in den Lungen zu spüren und der Natur so nahe zu sein.» Er erinnert sich noch gut daran, als das letzte Pferd verkauft wurde: «Das war ein schlimmes Gefühl.» Obwohl der Reusspark mit seinen vielen Pferden der perfekte Ort für ihn ist, fehlen ihm Gesprächspartner mit derselben Leidenschaft: «Ich vermisse die Pferdeszene im Freiamt, früher gab es noch viele Springkonkurrenzen, während es heute immer weniger gibt.»

So oft wie möglich besucht er die Pferde in den Stallungen und freut sich, wenn er mit einem der Reiter über den Pferdesport fachsimpeln kann. Mit seiner ruhigen Stimme und der ausgeglichenen Art findet er schnell Zugang zu den Tieren und man spürt die spezielle Beziehung zur Natur. Sein geschultes Auge erkennt die individuellen Eigenschaften der Pferde. Es kam auch schon vor, dass er zur Begutachtung und Beratung bei Pferdekäufen hinzugezogen wurde.

Als Ehrenmitglied im Kavallerieverein Freiamt bedeutet ihm Kameradschaft besonders viel und er freut sich auf den Besuch anderer Mitglieder. Seinen Alltag im Reusspark mag er, in den vielen Pferdemagazinen liest er jede Zeile und grüsst zwischendurch die vorbeigehenden Bewohner. Als eine Frau auf ihn zugeht, greift er in seine Tasche und gibt ihr eine Banane. «Dieses Ritual hat sich so eingeschlichen, das ist ihr Dessert», schmunzelt er.

Er schätzt die Ruhe und sagt mit Bedacht: «Hier werde ich dafür entschädigt, dass ich mein ganzes Leben jeden Tag von morgens bis abends gearbeitet habe.»