Freiamt

Rollstuhlfahrer Lanz: «Manchmal steht man wie der Esel am Berg»

Wie gut kommen Behinderten auf den Freiämter Strassen zurecht? Markus Lanz geht für die az im Klosterdorf mit seinem elektrischen Rollstuhl auf Testfahrt.

«Zum Glück habe ich recht viel Kraft», schnauft Markus Lanz. Er sitzt in seinem Elektrorollstuhl und bringt die schwere Eingangstür zur Gemeindeverwaltung Muri fast nicht auf. Im Vorraum trifft er auf Treppenstufen, an deren Seite sich allerdings ein Behindertenlift befindet. «Keine schlechte Idee», sagt Lanz. Der 50-jährige Murianer drückt den Knopf, um die Plattform auszufahren. Nichts geschieht.

Er drückt einen anderen Knopf - und wieder geschieht nichts. Nirgends ein Klingelknopf. Wir fahren nach draussen, dort hat es eine Klingel. Markus Lanz drückt darauf, aber es meldet sich niemand. Wieder zurück in die Eingangshalle der Gemeindeverwaltung. «Was nützt mir ein Behindertenlift, wenn er nur mit einem Schlüssel zu bedienen ist?» Also nachfragen bei Walter Jost, Leiter der Einwohnerkontrolle. Er zeigt: Der Lift funktioniert, man muss nur lange am schwarzen Knopf drücken. «Darauf wäre ich jetzt nicht gekommen», stellt der Testfahrer fest.

Wackeliger Lift

Markus Lanz ist es mulmig zumute, als er mit seinem Elektrorollstuhl auf die für seinen Rollstuhl gerade ausreichend grosse Plattform fährt. Per kleinen Hebel kann er sie heben, das Ganze wirkt etwas wackelig, funktioniert aber tadellos. «Aber ich habe jetzt, bei der ersten Benutzung, etwas Angst», gesteht er. Auf der anderen Seite, in der Bezirksverwaltung, ist die erste Hürde wieder die schwere Eingangstür.

Die zweite sind vier Treppenstufen - ohne Lift. Der Versuch, durch den Seiteneingang an der Seetalstrasse zu gelangen, scheitert, weil die Türe abgeschlossen ist. «Zum Glück», lacht Markus Lanz, «muss ich nicht vor Bezirksgericht.» Ähnliche Hürden sind Geschäfte, vor deren Eingang eine oder ein paar Treppenstufen liegen. Da geht mit dem Rollstuhl gar nichts mehr.

Knapp, aber bequem

Rauf zur Polizei, testen, ob Markus Lanz eine Anzeige machen könnte. Die Tür geht relativ leicht auf, linkerhand hat es einen kleinen Lift, den der Rollstuhlfahrer mit seinem Gefährt praktisch ausfüllt. Aber er kommt ungehindert zur Regionalpolizei im zweiten Stock. Sonja Stettler von der Repol erzählt ihm, dass es einen Einheitsschlüssel für die ganze Schweiz für Behindertentoiletten gebe. Davon hat Markus Lanz bisher nichts gewusst. Sonja Stettler sucht ihm sogar noch Telefonnummer und Mail-Adresse der Pro Infirmis für den so genannten «Eurokey» heraus.

Zurück beim Eingang, bekommt es Markus Lanz trotzdem nochmals mit der Angst zu tun. Um die kleine Schwelle der Türe nach draussen zu überwinden, muss er mit dem Rollstuhl drehen und rückwärts fahren. Beim Wenden auf dem relativ engen Raum kommt er unerwartet nahe an die ungesicherte Treppe, die ins Untergeschoss führt. «Uiuiui», entfährt es ihm, «das ist aber gefährlich.»

Schwierig bei Schnee

Markus Lanz weiss genau, wo in Muri die Trottoirs abgesenkt sind. Trotzdem rumpelt es bei den meisten Fussgängerstreifen. «Kein Problem», lacht er, «dafür ist der Rollstuhl ja gut gefedert.» Mehr beschäftigen ihn Passanten, die ihm nachgaffen. Oder Velofahrer auf dem Trottoir, die ihn in hohem Tempo kreuzen. Schwierig wird es auch, wenn Schnee liegt oder die Flächen gefroren sind.

Die Automobilisten erlebt er meistens als rücksichtsvoll und geduldig, vor allem die Lastwagenfahrer. Sein Gefährt ist eben kein Rennwagen. «Er macht etwa 10 bis 12 Stundenkilometer», schätzt sein Fahrer. Und er ist mit ihm eher vorsichtig unterwegs, denn er befürchtet in bestimmten Situationen zu kippen. Zum Beispiel beim Fussgängerstreifen am Südklosterrain, der zum Trottoir Richtung EFA Energie Freiamt AG führt. «Hier habe ich immer Angst, weil die Fahrbahn so schräg ist.» Er lässt es langsam angehen.

«Flirt» mit toller Plattform

«Nicht schlecht», staunt Markus Lanz auf dem Bahnhof Muri, als der neue Flirt-Zug hält. Die Türe schwenkt zur Seite, eine Plattform schliesst die Lücke zum Perron. «Früher musste ich in Olten anrufen, damit ich mit einem Lift in den Zug kam.» Relativ einfach kommt er auch in neue Postautos, weil diese sich neigen können. Bei älteren Bussen geht es nicht ohne Hilfe des Chauffeurs.

Klosterbesuch leicht möglich

Marktstrasse Muri: «Mit den seitlichen Rinnen statt Bordsteinen ist es für mich ideal», stellt Markus Lanz fest. Aufpassen muss er trotzdem, nämlich auf die fahrenden Autos. «Manchmal sehen mich die Fahrer nicht.» Der Besuch der Klosterkirche bleibt ihm nicht verwehrt: Über eine Rampe kann er problemlos zur Haupttür fahren, die sich auch leicht und nach innen öffnen lässt. Das öffentliche WC an der Marktstrasse kann er allerdings nicht benützen, da stehen Treppenstufen davor.

Zeit für einen Kaffee. In den «Adler» geht es dank Rampe bequem, obwohl die Tür für Lanz ebenfalls auf die falsche Seite aufgeht. Im Restaurant selber hat es gute Möglichkeiten, mit dem Rollstuhl an einem Tisch zu «parkieren».

Eng in der Migros

«Eigentlich geht die Tür zur falschen Seite auf», sagt Markus Lanz, der die Behindertentoilette im Coop Muripark aufsucht. Aber er kommt mit seinem Rollstuhl relativ leicht in die geräumige Toilette. Auch sonst ist für ihn das neueste Murianer Einkaufszentrum einfach befahrbar. Einzig die Rolltreppe hinauf getraut er sich nicht, er hat Angst, nach hinten zu kippen. Der grosse Lift befördert ihn aber bequem in die obere Etage.

In der Migros kann sich Markus Lanz mit seinem Gefährt ebenfalls bewegen, aber es ist eng. Und nur gerade an der vordersten Kasse kann er bezahlen, weil dort der Durchgang breit genug ist. Was ihn mehr stört

in den Einkaufsgeschäften ist, «dass man oft blöd angeschaut wird». Oder dass Menschen wegschauen, wenn er sie um Hilfe bitten will, weil er einen Artikel in einem oberen Regal nicht erreicht. Dass Kinder ihre Mutter fragen: «Was hätt de Maa?», das findet er natürlich. «Aber dass Erwachsene uns Behinderte schräg anschauen, als ob wir nicht dazugehörten, damit habe ich immer wieder Mühe.»

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