Oberlunkhofen

Rita Staublis Reisen in die ureigenen Welten von Sterbenden

Die 71-jährige Buchautorin Rita Staubli arbeitet seit zehn Jahren bei Hospiz Aargau. Brigitte Santmann Rubin

Die 71-jährige Buchautorin Rita Staubli arbeitet seit zehn Jahren bei Hospiz Aargau. Brigitte Santmann Rubin

Sterbebegleiterin Rita Anna Staubli-Eichholzer hat ihr Buch «Endzeit – da sein bis zuletzt»vorgestellt und Kostproben daraus vorgelesen. Der kleine Kreis der Anwesenden war zutiefst bewegt.

«Das grösste Geschenk, das Sie einem todkranken Menschen machen können, ist, ihn zu Hause im Kreis seiner Lieben in den Tod zu begleiten.» Das ist nur einer der vielen markigen Sätze der zierlichen Frau, die wie ein Fels im Leben zu stehen scheint und die trotzdem beweglich ist wie Wasser.

Rita Anna Staubli-Eichholzer hat eine Begabung: Sie begleitet Menschen durch ihre letzten Tage und Stunden, ohne davon müde zu werden. Auf die Frage, wie sie das alles wegstecke,
antwortet sie ohne Zögern: «Es gibt nichts wegzustecken. Wenn ich zu einem Sterbenden gehe, bin ich ganz und gar da. Wenn ich sein Haus verlasse, habe ich das gute Gefühl, alles gegeben zu haben.»

Die Hochzeit von Hubi

Was sie in langen Nächten mit Sterbenden erlebte, hat sie aufgeschrieben. Wer sich für Diagnosen interessiert, für verschiedene Arten zu sterben oder dafür, welche Pflege ein Todkranker braucht, ist bei ihr an der falschen Adresse. Ihr Gebiet ist das komplette Eintauchen in die Welt von Menschen, die nicht mehr ganz von dieser Welt sind. Etwa in die der alten Frau, die sich unbedingt zurechtmachen wollte für die Hochzeit eines gewissen Hubi am folgenden Samstag. Die, kerzengerade im Bett sitzend, verkündete, sie müsse sofort herausfinden, zu welcher Zeit und wo die Hochzeit stattfinde. Staubli beugte sich der feurigen Entschlossenheit der Frau und half ihr, die dringend benötigten Informationen zu bekommen.

In der realen Welt existierte zwar, wie Staubli im Lauf der Nacht von Verwandten bestätigt wurde, weder der besagte Hubi, noch war eine Hochzeit geplant. Für Rita Staubli ist die äussere Realität aber in solchen Situationen nicht relevant; es zählt einzig, was für denjenigen Menschen real ist, den sie gerade betreut. Gemeinsam suchten sie also die passenden Kleider für das grosse Fest aus, Staubli half beim Anziehen und telefonierte gar mit «Hubi» höchstpersönlich, um diese andere, höchst fragile Welt nicht zu zerstören. Die Frau starb in der glücklichen Gewissheit, auf diese Hochzeit gebührend vorbereitet zu sein. Beerdigt wurde sie am Samstag – «Hubis» Hochzeitstag.

Rita Staubli liest auch die Geschichte von dem Bauern vor, der Nacht für Nacht hart auf dem Feld und an der Reparatur seiner Maschinen arbeitet – im Schlaf, im Sterben. Wild gestikulierend, immer unter vollem Körpereinsatz. Dem es pressiert mit dem Heufuder, weil Regen angesagt ist, und der nicht sterben kann, bevor sein Heu nicht sicher im Trockenen ist und alle Geräte instand gestellt sind für den nächsten Frühling.

Vermittlerin zwischen Welten

«Das Pflegepersonal hat schlicht die Zeit nicht, sich so intensiv auf die innere Welt der Sterbenden einzulassen», meint Staubli. Es sei deshalb an den freiwilligen Sterbebegleiterinnen, dies zu tun und dann und wann auch zu vermitteln zwischen den Welten, sodass zum Beispiel jemand nicht mehr umgelagert, sondern einfach in Ruhe gelassen werde.

«Jeder Weg ist einzigartig», betont die Autorin. Das Buch soll eine Idee geben, wie man das Ende gestalten könnte. Auch eine Idee gibt es davon, was der seit 1994 existierende Verein Hospiz Aargau leistet. Neben der beschriebenen ambulanten Sterbebegleitung durch Freiwillige führt er ein stationäres Hospiz in Brugg. Neu und ebenfalls sehr erfolgreich ist der «Hospiz Trauertreff», wo Trauernde untereinander Halt finden können.

Das kleine Buch «Endzeit – da sein bis zuletzt. Heitere Begleitung» kann für 10 Franken (plus Fr. 5.– Porto) direkt bei der Autorin bezogen werden: Rita Anna Staubli-Eichholzer, Schmidtenbaumgarten 8b, 8917 Oberlunkhofen, rita-staubli@bluewin.ch. Die Einnahmen gehen vollumfänglich an den Verein Hospiz. «Ich cha’s nöd mitnä», sagt die Autorin bestimmt. Sie muss es wissen.

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