Wallenschwil
Rita Christen ist für die Kinder da, wenn die Eltern in Haft sind

Rita Christen (54) ist Pflegemutter – bei ihr dürfen Kinder in Sicherheit und naturnah aufwachsen. Vier Pflegekinder wohnen derzeit bei der Familie. Rita Christen selber ist durch Zufall zur Pflegemutter geworden.

Andrea Weibel
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Rita Christen mit ihren beiden Eseln – die Kinder dürfen aus Sicherheitsgründen nicht gezeigt werden. aw

Rita Christen mit ihren beiden Eseln – die Kinder dürfen aus Sicherheitsgründen nicht gezeigt werden. aw

Andrea Weibel

Zwei Esel werfen einem neugierige Blicke zu, aus dem Garten tönt das Geschnatter von Gänsen, zwei Hunde heissen einen freudig wedelnd willkommen und eine Katze streicht einem um die Beine. So herzlich wird man im kleinen Weiler Wallenschwil, im Haus von Rita Christen und Kurt Zürcher, empfangen.

Pflegefamilien gesucht

Die Jugend-, Ehe und Familienberatungsstelle Muri sucht Familien, die bereit sind, Kinder bei sich aufzunehmen - von einigen Stunden pro Woche bis zur vollständigen Integration in der Familie. Es wird dabei zwischen Tagesfamilien und Pflegefamilien unterschieden.
Tagesfamilien unterstützen vor allem Mütter, die erwerbstätig oder aus finanzieller Sicht gezwungen sind, einer Arbeit nachzugehen. Sie betreuen die Kinder ganztags, halbtags oder stundenweise.
Die Pflegefamilien dagegen sollen einem Pflegekind rund um die Uhr ein behütetes Zuhause geben können. «Die Gründe einer Pflegeplatzierung sind vielschichtig», heisst es seitens der Beratungsstelle Muri. «Ursachen dafür können Defizite der Eltern und belastete Familiensituationen sein.»
Mehr Informationen gibt die Jugend-, Ehe- und Familien-Beratungsstelle Muri. Kontakt unter 056 664 37 69 oder via E-Mail an sekretariatmuri@jefb.ch.

Drinnen hört man Kinderstimmen: Fünf Mädchen wohnen derzeit bei der Familie, nur eines, Neschana (14), ist die leibliche Tochter des Paares. Die anderen sind Pflegekinder, die bei der kinder- und tierlieben Familie einen Platz gefunden haben, wo sie in Sicherheit aufwachsen können. In ihren eigenen Familien wäre das nicht möglich. «Sucht- oder Beziehungsprobleme, psychische Erkrankungen, Gewalt oder sogar die Inhaftierung eines oder beider Elternteile können Gründe dafür sein, dass Kinder fremdplatziert werden müssen», erklärt Rita Christen. Sie ist ausgebildete Spiel- und Waldspielgruppenleiterin und leitet ihre eigenen Gruppen in Benzenschwil und Beinwil je einen halben Tag pro Woche.

Neue Familienmitglieder

Sie selbst ist per Zufall zur Pflegemutter geworden. «Vor sieben Jahren, an einem Sonntag, war unserer Tochter, die viel jünger ist als ihre Geschwister, langweilig. Sie wünschte sich andere Kinder zum Spielen», erinnert sie sich. «Als ich in dem Moment auf ein Inserat stiess, in dem eine Pflegefamilie für ein Geschwisterpaar gesucht wurde, besprach ich das sofort mit meiner Familie. Wenig später zogen die beiden bei uns ein.» Beim Geschwisterpaar hatten sie grosses Glück. «Das Mädchen und unsere Tochter verstanden sich auf Anhieb.» Seit dieses erste Pflegemädchen 16 Jahre alt geworden ist, müsste sie nicht mehr in Wallenschwil wohnen. «Aber sie ist dennoch sehr häufig hier. Und das darf sie auch, denn sie gehört zur Familie.» Das freut auch Tochter Neschana: «Wir sind wie Schwestern. Mit den anderen Kindern habe ich weniger zu tun, da sie meist jünger sind. Aber auch mit ihnen verstehe ich mich eigentlich ganz gut.»

Teilweise traumatisiert

Nicht mit allen Pflegekindern hatte die Familie Christen-Zürcher so viel Glück. «Man muss sich bewusst sein, dass die Kinder teilweise traumatisiert und sehr traurig sein können. Bei manchen dürfen die Eltern – zum Schutz der Kinder – nicht einmal wissen, wo sie sind. Die Eingewöhnung braucht oft viel Geduld und Zeit.» Und man müsse lernen, dass man nicht jedes Problem lösen könne. Ein Pflegekind habe beispielsweise selbst psychische Probleme gehabt, gestohlen und gelogen. «Wir haben versucht, mit ihr zu reden und ihr zu helfen. Aber als die Situation nur noch Probleme für die ganze Familie brachte, mussten wir aufhören. Wir sind keine Fachpersonen, sondern eine ganz normale Familie», hält Christen fest. Das Mädchen wurde in einer geschlossenen Institution platziert.

Schöne und schwierige Zeiten

«Für mich war es die richtige Entscheidung, Kinder aufzunehmen», ist sie sicher. «Im Dezember konnte ein Mädchen nach 2,5 Jahren zu seiner Familie zurück, das ist ja immer das Ziel. Es war oft nicht leicht mit ihr, aber als sie ging, war ich dennoch sehr traurig.» Danach habe ich mir überlegt, ob ich weitere Kinder aufnehmen will. Ich kam zum Schluss: Ja, es ist mein Job und macht mich glücklich.» Seither fanden erneut zwei Kinder Unterschlupf bei ihr. «Es ist ein Vollzeitjob, der einen psychisch sehr fordern kann.» Die zwei neuen Kinder hätten innert eines Tages ein Daheim gebraucht. «Manchmal muss man sehr spontan sein.»

Finanziell sei das jedoch nie ein Problem: «Die Ämter und unsere Aufsichtsperson in Muri unterstützen uns immer, ich bekomme einen fixen Lohn pro Kind und die Kinder ein kleines Taschengeld.» Wichtig sei, dass die ganze Familie dahinter stehe. «Wir haben schon Freunde verloren, die unser Engagement nicht verstanden haben. Aber die Kinder gehören einfach zur Familie, basta.» Für die 54-jährige Rita Christen selber ist ausserdem wichtig: «Wenn ich einmal pensioniert bin und zurückschaue, werde ich sagen können, ja, ich habe etwas Positives bewirken können.»