Vorhang auf zu einem Gerichtsfall der groteskeren Art, der eigentlich eher auf die Bühne eines Dorftheaters gehört als ins Bezirksgericht Bremgarten. In der Hauptrolle Norbert Furrer (Name geändert), Pensionär. Der 80-Jährige ist gemeinsam mit seinem Anwalt und dessen Praktikantin nach Bremgarten gekommen, um seine Weste weisszuwaschen. Denn gemäss der Anklageschrift der Aargauer Staatsanwaltschaft hat er 85 historische chinesische Unternehmensanleihen, sogenannte Bonds, veruntreut.

Das Krasse daran: Der Wert der Dokumente wird vom Geschädigten auf bis zu 8,5 Milliarden US-Dollar geschätzt. Das Blöde aus Sicht von Furrer: Sie sind spurlos verschwunden, gemeinsam mit dem Hauptverdächtigen. So knüpfte sich die Staatsanwaltschaft den Pensionär vor, der irgendwie in der ganzen Sache mit drin hängt. Doch der Prozessbeobachter stellte sich bald weniger die Schuldfrage, sondern wunderte sich vielmehr: Wie konnte der Pensionär da nur hineingeraten? Oder in den Worten des Bezirksgerichtspräsidenten Peter Thurnherr: «Kam Ihnen die ganze Sache nicht von Anfang an spanisch vor?»

Gianluca und sein Migros-Sack

Wir schreiben das Jahr 2014. Furrer war seit kurzem im Verwaltungsrat einer kleinen Firma, in den er irgendwie hineingerutscht ist, ohne sich speziell für das Amt zu eignen. Dann trat ein Italiener in Erscheinung, nennen wir ihn Gianluca. Gianluca wandte sich an die Firma, weil er seine historischen chinesischen Unternehmensanleihen aus dem Jahre 1913 verkaufen wollte. Er überbrachte die 85 Dokumente der «Lung Tsing U-Hai Railway» gestapelt in einem Migros-Sack und verlangte, dass die Firma sie zu einem Stückpreis von 100 Mio. US-Dollar verkaufen sollte. Den Auftrag dazu bekam Norbert Furrer. Er, der bis dato keine Erfahrungen mit solchen Wertpapieren hatte, befand sich plötzlich im Besitz von solchen in der Höhe von angeblich über 8 Milliarden US-Dollar.

Nun: Furrer, seiner mangelnden Erfahrung bewusst, wandte sich an einen selbst ernannten Experten, Tim Karrer (Name geändert), der gemäss eigener Aussagen beste Geschäftsverbindungen nach China pflegte. Furrer übergab ihm die Wertpapiere, mittlerweile, des Werts bewusst, fein säuberlich geordnet, und hoffte auf einen schnellen und hohen Verkauf. «Doch aus Wochen wurden Monate», sagte Furrer vor Gericht, der von Karrer immer wieder vertröstet wurde. Irgendeinmal verlor Gianluca die Geduld und wollte das Geld sehen oder seine Papiere zurück. Nur waren diese mittlerweile spurlos verschwunden. Im Verlauf der Ermittlungen wurde schon die Vermutung geäussert, dass diese sich in einem versiegelten Briefumschlag bei einer Schweizer Bank befinden. Und jetzt selbst für Tim Karrer unerreichbar seien, da sie sich nun in chinesischer Obhut befinden würden.

Wie auch immer: Karrer ignorierte die Aufforderungen der Staatsanwaltschaft zur Einvernahme und ist mittlerweile ebenfalls spurlos verschwunden. «Ich habe ihn in den letzten Monaten zwanzig Mal versucht anzurufen», sagte Furrer vor Gericht, «und schrieb ihm mehrere E-Mails. Ich will nur, dass Gianluca seine Dokumente zurückbekommt.»

Solche Dokumente ab 100 Franken

Ob der Verlust von Gianluca tatsächlich so gross ist, wie man es auf den ersten Blick annehmen könnte, ist fraglich. Denn wie wertvoll die Papiere sind, ist nicht klar. Statt der genannten Millionenbeträge pro Stück könnte es auch nur ein kleiner dreistelliger Betrag sein. Auf diesen Schluss kommt man zumindest mit einer einfachen Internetrecherche. Dort finden sich Angebote bereits ab 100 Franken.

Der Verteidiger von Furrer zitierte eine Quelle, die festhielt, dass sich solche historischen chinesischen Anleihen vor allem für Gaunereien eignen würden. Und auch der Richter erwähnte, dass solche Dokumente allenfalls nicht mehr vielmehr seien als eine schöne Erinnerung für Bahnfans. Natürlich könne man versuchen, diese noch zu Geld zu machen. Doch: «Hier werden Zahlen genannt, bei denen man keinen Gedanken daran verschwenden muss, es könnte sich um ein seriöses Geschäft handeln.» Es sei ein Fall mit grotesken Zügen, der ihn vermuten liesse, er sei in Absurdistan, so der Richter.

Thurnherr sprach Furrer vom Vorwurf der Veruntreuung frei. «Furrer hat im Auftrag von Gianluca gehandelt. Somit kann man nicht von einer Aneignung der Dokumente sprechen.» Wenn jemand sich einer Veruntreuung schuldig gemacht hätte, dann Karrer. «Doch man kann nicht einfach den Zweitletzten, der die Papiere in den Händen hatte, verantwortlich machen, wenn man des Letzten nicht habhaft wird.»