Die digitale Revolution ist im Gang und wird noch vieles umkrempeln. Das zeigte Marta Kwiatkowski, leitende Wissenschaftlerin am Gottlieb-Duttweiler- Institut in Rüschlikon, am 10. Wirtschaftsanlass in Muri auf. Nicht zuletzt wird sich der Detailhandel schnell auf veränderte Gewohnheiten einstellen müssen. «Der Konsument wird immer anspruchsvoller, bequemer und vernetzter.» Konkret wird der Einkauf per Smartphone weiter zunehmen, während die Ladenflächen in den Städten zurückgehen und allenfalls in Erlebniswelten umgewandelt werden – mit weitreichenden Folgen auch hinsichtlich Städteplanung.

Bis 2020 werden wir mehr mit künstlicher Intelligenz kommunizieren als mit einem Partner oder einer Partnerin. Dabei geben wir immer wertvolle Daten über uns selber preis. Das kann durchaus hilfreich sein, indem uns digitale Assistenten beim Konsum unterstützen, weil sie wissen, was wir wollen. «Die Maschine kennt uns besser als die Verkäuferin im Laden», fasste Kwiatkowski zusammen. Die persönliche Beratung verliert an Bedeutung, der Laden als Verkaufsfläche ohnehin, weil wir immer mehr online einkaufen. Aber damit fällt auch Atmosphäre weg. In der digitalisierten Welt findet Romantik deshalb neue Bedeutung. «Je globalisierter, desto wichtiger wird die Rückkehr zum Regionalen.» Diese Sehnsucht kann in ein Verkaufskonzept eingebettet werden, wobei Abgrenzungen zunehmend zerfallen. Gastronomie, Handel und Dienstleistungen können an einem einzigen Ort zusammen ein Gesamterlebnis bringen. Das schaffen schon heute grosse Anbieter mit Erlebniswelten. Heutige Handelsflächen werden in Zukunft noch vermehrt zu aufwendig gestalteten Erlebniszonen, optimal aufbereitet, um in den sozialen Medien im besten Licht zu erscheinen. «Der Shop wird zur Kulisse, in dem man die Kleider kaum mehr sieht, aber ein schönes Gefühl hat.» Das Einkaufserlebnis geteilt auf Facebook, Instagram und Co. ist wiederum beste Werbung. Weiter wachsen wird der Food-Bereich, einerseits, weil mehr zwischen Wohn- und Arbeitsort gependelt wird, andererseits, weil wir uns auswärts nicht nur schnell, sondern auch gesund ernähren wollen.

Massgeschneidert

Dank den Datensammlungen, die wir bewusst oder unbewusst ermöglichen, führt beispielsweise Google Maps nicht jeden und jede über den gleichen Weg zum Ziel. Weiss Google beispielsweise von meinem Interesse für schöne Uhren, wird Maps mich an einem Uhrenladen vorbeilotsen, während die Frau mit dem gleichen Ziel vielleicht an einem Modegeschäft vorbeigeführt wird. «Die Informationsdichte wird zunehmen, der Mensch wird komplett verdatet», ist Kwiatkowski überzeugt. Gewohnte Alltagsstrukturen lösen sich zunehmend auf.

Wesentlich verändern wird sich auch die Mobilität. «Sie wird separierter und braucht trotz neuer Technologien (autonomes Fahren, Sharing) mehr Platz. Die Verkehrsflächen für die verschiedenen Fortbewegungsarten nebeneinander beanspruchen mehr Raum.» Die Städte werden sich verändern, das Pendeln zwischen Wohn- und Arbeitsort wird nochmals zunehmen.

Und in der Region?

Auch «auf dem Land» ist die Digitalisierung angekommen, wie das Podiumsgespräch unter der Leitung von Bruno Sidler, Geschäftsführer Regionalplanungsverband Oberes Freiamt, zeigte. Neben Kwiatkowski sprachen Stefan Heggli, Präsident der Industrievereinigung Muri und Inhaber einer Metalldrückerei, Andy Fankhauser, Geschäftsführer Fankhauser Verpackungsservice AG, Mitglied des Gewerbevereins Sins, sowie Lukas Wild, Toppharm-Apotheke Muri und Co-Präsi- dent des Gewerbevereins Muri, über Erfahrungen und Aussichten. Individuelle Antworten auf die Herausforderungen suchen, es «nicht gleich machen wie die anderen» sind Ansätze, die es zu verfolgen gilt. Der Murianer Gemeinderat Heinz Nater und mit Wirtschaftsraum Muri der Gastgeber fasste zusammen, dass die Digitalisierung neben Risiken viele Möglichkeiten und Chancen bietet – wenn man sie wahrnimmt.