Reusstal
Reusstalsanierung: Der jahrelange Streit um den Naturschutz

Der Flachsee war das Resultat der Reusstalsanierung, der Weg dahin beschwerlich. 1953 wurde die Reusstal-Kommission ins Leben gerufen, welche einen Ersatz des alten Kraftwerks in Bremgarten forderten.

Dominic Kobelt
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Der Flachsee ganz oben im Bild, kurz nach seiner Entstehung, links das neue Kraftwerk Bremgarten-Zufikon. zvg/AEW-Archivbild

Der Flachsee ganz oben im Bild, kurz nach seiner Entstehung, links das neue Kraftwerk Bremgarten-Zufikon. zvg/AEW-Archivbild

Die Reusstalsanierung war nicht nur politisch umstritten, sondern auch von Hochwasserkatastrophen begleitet. Dank des Millionenwerks gibt es den Flachsee überhaupt in seiner heutigen Form – trotzdem kam der Widerstand gegen das Projekt auch von Seiten des Naturschutzes.

Eine erste Sanierung geht auf das Jahr 1840 zurück. Die Auswirkungen sind heute noch sichtbar. Eine jener Massnahmen war beispielsweise die «Stille Reuss» in Rottenschwil, die heute noch für viele Pflanzen und Tiere ein wichtiger Lebensraum darstellt.

Schwere Hochwasser

Jahre später arbeitete die Regierung ein Projekt zur Reusstalentsumpfung aus, dies auch als Folge der schweren Hochwasserkatastrophen 1846/47 in der Reussebene. Von Mühlau bis zur Reussbrücke Rottenschwil-Unterlunkhofen wurde ein Hochwasserschutzdamm gebaut und ein Kanalsystem erstellt.

Das Gelände senkte sich aber im Laufe der Jahre wegen der Entwässerung ab, und die Kanäle vermochten bei starken Regenfällen das Wasser von den Hügeln nicht mehr abzuleiten. Auch die Hochwasserdämme waren zu niedrig.

Der weitere Ausbau des Schutzdammes unterliess man dann aber aus finanziellen Gründen. Neue Hochwasser führten schliesslich dazu, dass die betroffenen Gemeinden im Jahre 1953 die Reusstal-Kommission ins Leben riefen. Diese reichte verschiedene parlamentarische Vorstösse ein.

Kritik von Natur- und Heimatschutz

Die Reusstal-Kommission forderte ein Ersatz des alten Kraftwerkes in Bremgarten und legte in ihren weiteren Vorstössen den Fokus auf die bestmögliche Ausnutzung des Bodens für die Landwirtschaft. Das löste in den Reihen des Natur- und Heimatschutzes heftige Kritik aus.

Ein ersten Schritt zur Lösung des Interessenkonflikts kam auf Initiative der Kulturstiftung Pro Argovia zustande, die 1960 ein Gespräch zwischen den Interessenvertretern auf Schloss Lenzburg organisierte.

Die Baudirektion des Kanton Aargaus bestellte darauf hin eine Fachkommission, die sich aus 12 Vertretern der unterschiedlichen Fachgebiete zusammensetzte, vom Kraftwerkbau bis zum Natur- und Landschaftsschutz.

Zwei Jahre arbeitete die Kommission intensiv, mit dem Ziel, einen Ausgleich zwischen den Interessen zu finden. Der umfangreiche Schlussbericht war Grundlage für das Reusstalgesetz, das Hochwasserschutz, Entwässerung und Bodenverbesserungen beinhaltete.

Dieses wurde sowohl vom Grossen Rat als auch von den Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern angenommen. Die Konzession für die Wasserkraftnutzung der Reuss durch das Kraftwerk Bremgarten-Zufikon hatte der Regierungsrat im November 1967 erteilt.

Trotzdem war damit das Ziel noch nicht erreicht: Am 15. November 1970 mussten die Aargauer über eine Initiative abstimmen, die unter anderem eine Vergrösserung der Naturschutzreservate, eine Reduktion der Hochwasserbauten auf ein Minimum und nicht zuletzt das Verbot eines Kraftwerkbaus im Reusstal forderte.

Sie wurde mit 67.8 % Nein-Stimmen abgelehnt. Eine zweite Initiative wurde vom Grossen Rat für verfassungswidrig erklärt.

Erfolgreiche Partnerschaft

Die Reusstalsanierung war das erste Projekt dieser Grösse, dass als Partnerschaft zwischen Technik und Naturschutz ausgeführt wurde. Es umfasste nebst Entwässerungen und Hochwasserschutz auch den Bau von Siedlungen, den Ausbau des Wegnetzes und natürlich wurde auch den Forderungen des Naturschutzes Rechnung getragen:

Die Pflege und Betreuung der Naturschutzreservate, die Schaffung von Biotopen und die Ausnützung des höheren Reusspegels wegen des Kraftwerks zur Verbesserung der Grundwasserverhältnisse in den Reservaten waren nur einige Punkte, die festgehalten wurden.

Daneben wurden auch Rodungsflächen wiederaufgeforstet und Erholungsmöglichkeiten geschaffen, die für die Bevölkerung eine «aktive Begegnung mit der Natur» ermöglichen sollen.

Damit die Massnahmen umgesetzt werden konnten, war es nötig, genügend grosse und gut geformte Räume zu schaffen. Dies konnte nur durch Güterregulierung erreicht werden, dazu mussten mit den Grundeigentümern Verhandlungen geführt werden, die in den Akten oft als «mühsam und aufwendig» beschrieben werden, weil die Eigentümer hohe Forderungen stellten.

Über 100 Millionen Franken

Das Projekt war auf finanziell ein Kraftakt. Allein das Kraftwerk kam auf 65 Millionen zu stehen, die restlichen Massnahmen nochmals weit über 100 Millionen Franken. So wurden für die kulturtechnischen Verbesserungen rund 70 Millionen, für den Wasserbau 44 Millionen und für den Naturschutz rund 9 Millionen Franken investiert.

Heute wie damals steht der Flachsee auch im Spannungsfeld von Naturschutz- und Erholungsgebiet. Ein Journalist schrieb kurz vor Abschluss der Reusstalsanierung: «Problematisch ist schon heute die grosse Zahl der Erholungssuchenden übers Wochenende, die oft ziellos im Landwirtschafts- und Naturschutzgebiet herumspazieren.»

Quellen: Diverse Dokumente aus dem Archiv des AEW-Kraftwerks Bremgarten Zufikon.