Gina schaut aufmerksam in die Klasse. Kinder, die bei einer Aufgabe nicht mehr weiterkommen, dürfen der Reihe nach zum kleinen Pult kommen, bei dem sie geduldig wartet. «Ich komme beim Worträtsel nicht weiter. Welchen Buchstaben muss ich vor ‹Amt› setzen, damit es ein neues Wort ergibt?», fragt ein Mädchen.

Gina legt ihren Kopf auf den Tisch und lässt sich erst mal streicheln. «Ich glaube, sie schaut auf die hinteren Buchstaben im Alphabet», deutet Heilpädagoge Ari Schmid den Blick seiner Hündin. «Qamt… Ramt… Samt!», freut sich das Mädchen. Gina bekommt für ihre Unterstützung ein Guezli, bei besonders anspruchsvollen Aufgaben auch mal etwas Leberwurst aus der Tube, die mag sie besonders gern.

Ein beruhigendes Wesen

Gina ist eine ausgebildete Therapiehündin und besucht regelmässig die
4. Primarklasse in Boswil. Dank ihr werden nervöse Kinder ruhiger, übermütige lernen, Rücksicht zu nehmen – quasi ein natürliches Ritalin auf vier Pfoten – ohne Nebenwirkungen.

Und die Hündin hat noch weitere positive Einflüsse: Motorisch ungeschickte Schüler werden geschickter, und sprachlich beeinträchtigte Kinder schaffen es, exakte Anleitungen zu geben. Sind die heutigen Kinder unruhiger als frühere? «Nein, ich denke, heute ist man einfach sensibilisierter auf den Förderbedarf», sagt Schmid.

Die Hündin liebt ihren Job, weiss der Besitzer: «Sie steht gerne im Mittelpunkt. Je mehr Kinder, desto besser – und wenn sie müde ist, dann zeigt sie mir das und legt sich eine Zeit lang in den Hundekorb, dort hat sie Ruhe.» Die viereinhalb Jahre alte Golden-Retriever-Dame eigne sich deshalb besonders gut als Therapiehund, erklärt Schmid. Die Ausbildung beim Verein Therapiehunde Schweiz (VTHS) hat sie im letzten September abgeschlossen, war aber vorher schon versuchsweise im Einsatz, abgesprochen mit Eltern und Schulleitung.

Das sei wichtig, erklärt der Heilpädagoge: «Allergien oder religiöse Gründe könnten gegen den Einsatz eines Hundes sprechen.» Gewisse Bedenken waren zwar da, sie haben sich aber in der Zwischenzeit zerstreut. Beobachtet man Gina und die Primarschüler, sieht man rasch, dass die Klasse und die Hündin harmonieren. Gina hat ein äusserst ruhiges Gemüt, lässt sich in der Pause gerne an der Leine herumführen und begrüsst jedes Kind. «So sorgt sie auch dafür, dass Schülerinnen und Schüler verschiedener Klassen in Kontakt kommen», verdeutlicht Schmid.

Nach der Pause arbeitet der Heilpädagoge mit drei Kindern separat in der Leseförderung. Auch wenn es eine kleine Gruppe ist, sind die Kinder zu Beginn etwas unruhig. Sie lassen sich dazu hinreissen, Schmid bei seinen Ausführungen zu unterbrechen, und halten sich dann den Mund mit beiden Händen zu, wohlwissend, dass sich das nicht gehört.

Gina liegt unter dem Tisch. «Sie kann nur dann ruhig schlafen, wenn ihr konzentriert arbeitet», ermahnt Schmid die Kinder. So haben sie eine zusätzliche Motivation – denn wer möchte schon Gina beim Schläfchen stören? Einmal pro Woche hilft die Golden-Retriever-Dame beim Unterrichten der Kleingruppe mit, einmal im Monat besucht sie die ganze Klasse. Sie hat eine positive Wirkung, auch wenn es nicht immer mucksmäuschenstill ist. Kinder bleiben nun mal Kinder.