Das hat die Präsidentin des Bezirksgerichts Bremgarten, Isabelle Wipf, nach eigenen Worten noch nie erlebt: Während des Plädoyers beschimpfte der Angeklagte die Staatsanwältin auf unflätigste Art und Weise und liess die Tür des Gerichtssaals mit einem lauten Knall hinter sich ins Schloss fallen.

Die Verhandlung hatte schon turbulent angefangen: Der Angeklagte kam zu spät, redete der Gerichtspräsidentin und dem geladenen Zivil- und Strafkläger immer wieder drein. Der darauf auf Wunsch des Verteidigers von zwei Regionalpolizisten durchgeführte Atemalkoholtest ergab 2,46 Promille.

Das Gericht befand den 45-jährigen Mann aber für fähig, der Verhandlung zu folgen. Es ging um alkoholisiertes Autofahren ohne gültigen Fahrausweis, um die Entwendung eines Motorfahrzeugs zum Gebrauch, um ein geklautes Grill-Poulet und um Drohungen.

Nur beschimpft?

Pedro (Namen geändert) hatte Nick 20 Franken geschuldet. Als Nick dieses Geld nicht zurückerhielt, telefonierte er deswegen der Mutter von Pedro. Die Ex-Freundin brachte schliesslich die 20 Franken zurück, aber Pedro rastete aus und erklärte Nick am Telefon, dass er ihn absteche, dass er noch heute sterben werde.

So jedenfalls schilderte es Nick der angeforderten Regionalpolizei. Dadurch sei er in grosse Angst versetzt worden. Den Vorschlag, für die Aussage mit auf den Polizeiposten zu kommen, akzeptierte er vorerst nicht. Als er dann doch einwilligte, verweigerte er sich dort dem Wunsch der Polizei, einen Atemalkoholtest zu machen.

In einer zweiten Aussage doppelte Nick nach und erklärte, Pedro habe auch gedroht, seine Frau aufzuschlitzen. Für die ausgestandene Angst stellte er eine Schadenersatz- und Genugtuungsforderung von 6000 Franken.

«Primitive Siech», «Sauhund» und «IV-Rentner» 

Pedro bestritt die Drohung vehement. Er habe Nick wohl schon als «primitive Siech», als «Sauhund» und «IV-Rentner» beschimpft, aber an Leib und Leben bedroht habe er ihn oder seine Frau sicher nicht. Nick sei zudem immer betrunken.

Sein Verteidiger zweifelte ebenfalls die Glaubwürdigkeit von Nick an. Die Widersprüche und Ungereimtheiten in seinen Aussagen seien offensichtlich. Zudem schmälere der verweigerte Atemalkoholtest den Wert der gemachten Anzeige. «Nick regt sich gewaltig über Pedro auf, er will ihn versorgen lassen. Dafür aber genügt eine Beschimpfung nicht, deshalb die Anzeige wegen Bedrohung.»

Der Verteidiger forderte einen Freispruch bei der Anklage der Drohung. Nick selber, vor Gericht als Zeuge geladen, zeigte schon nach wenigen Fragen der Gerichtspräsidentin keine Lust mehr, darauf zu antworten.

Zwei Liter Wein täglich

Das unerlaubte Fahren und den Diebstahl des grillierten Poulets im Coop gab Pedro unumwunden zu. Er verhehlte auch seine Alkoholsucht nicht. Er trinkt täglich sicher zwei Liter Wein, er hat schon zweimal erfolglos ambulant einen Alkoholentzug hinter sich, er sitzt auf einem Schuldenberg von 100 000 Franken, wohnt in einem vom Sozialamt bezahlten Zimmer, hat aber immer noch Kontakt zu seiner Ex-Frau und zu seinen 14- und 16-jährigen Söhnen. «Ich bin kein Schwerverbrecher.»

Die Staatsanwältin hatte 18 Monate Freiheitsstrafe unbedingt, 60 Tagessätze Geldstrafe zu 50 Franken unbedingt und eine Busse von 100 Franken für das geklaute Poulet beantragt. Zudem sei ein 2015 bedingt ausgesprochener Strafvollzug von 90 Tagessätzen zu 70 Franken zu widerrufen.

«Das ist Ihre letzte Chance»

Darauf verzichtete das Bezirksgericht Bremgarten. Auch sprach es den Angeklagten «im Zweifel für den Angeklagten» vom Vorwurf der Drohung frei. Für den Rest gab es eine Freiheitsstrafe von 15 Monaten unbedingt und eine Busse von 100 Franken für das Poulet.

Hinzu kommt eine Ordnungsbusse von 200 Franken für «das absolut ungebührliche Verhalten gegenüber der Staatsanwältin» im Gerichtssaal. Das Gericht schiebt die Freiheitsstrafe mit einem Mehrheitsbeschluss zugunsten einer stationären Behandlung seiner Alkoholkrankheit auf.

«Das ist Ihre letzte Chance, Ihr Leben in den Griff zu bekommen», betonte Gerichtspräsidentin Isabelle Wipf. Pedro zeigte sich einsichtig und unterstrich, er sei motiviert, seine Alkoholsucht zu behandeln. Er bedankte sich für das Urteil und entschuldigte sich bei der Staatsanwältin mehrfach mündlich für seinen groben Ausfall.