Bellikon
Reiterin misst sich trotz Handicap an Wettkämpfen

Mirjam Meyer aus Bellikon reitet schon ihr ganzes Leben lang mit einem Handicap. Neu können sogenannte Para-Reiter an Wettkämpfen teilnehmen.

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Ein starkes Team: Mirjam Meyer mit ihrem Pferd Robin. elj

Ein starkes Team: Mirjam Meyer mit ihrem Pferd Robin. elj

Der nette Wachhund liegt unter einer Tanne vor dem Pensionsstall Buchlern in Altstetten und hechelt. Im Schatten hinter dem Stall steht der Wallach Robin, und verjagt Bremsen mit seinem Pferdeschwanz. An der hölzernen Stallwand hängen die kürzlich erworbenen Auszeichnungen von Mirjam Meyer. Für die bald 35-Jährige aus Bellikon hat sich dieses Jahr ein ganz neuer Horizont eröffnet.

Gute Ergebnisse an Prüfungen

Zum ersten Mal in ihrem Leben durfte die Reiterin mit Handicap – oder Para-Reiterin – eine Dressurprüfung in der Disziplin «Para-Equestrian Dressage» absolvieren (siehe Box rechts). Bisher waren Reiter mit einem Handicap von Wettkämpfen in der Schweiz ausgeschlossen.

«Verglichen mit anderen Menschen, ist mein Handicap klein», sagt Meyer. Ihr rechter Arm hat keine Elle und ist verkürzt. An der Hand hat sie nur vier Finger. Ausser Klavierspielen hat sie viele ihrer Wünsche verwirklichen können. «Als Kind wurde ich nie gehänselt. Ich konnte immer reiten, fahre Auto und arbeite als biomedizinische Analytikerin.» Dass sie sich jetzt mit ihrem 19-jährigen Pferd mit anderen Reitern messen kann, hat ihr einen neuen Motivationsschub gegeben. «Ich reite schon mein Leben lang. Seit ich weiss, dass Reiter mit Handicap an Wettkämpfen teilnehmen dürfen, nehme ich Dressur-Reitunterricht.» Dieses Jahr hat sie sich bei kleineren, regionalen Dressurprüfungen auf die Plätze drei und fünf geritten.

Para-Reiten ist keine Therapie

Was Meyer schätzt: «Wir Reiter mit Handicap werden an den Wettkämpfen mit ‹normalen› Reitern klassifiziert.» Para-Reiten sei keine Therapie und es gehe auch nicht darum, Mitleid zu erwecken – im Gegenteil: «Es gibt querschnittgelähmte Reiter unter uns und solche, denen Beine oder Arme fehlen.» Mitleid sei ganz fehl am Platz. Keiner wolle jeden Tag daran erinnert werden, dass er etwas anders ist. «Es geht um Pferdesport. Wir wollen behandelt werden wie alle anderen.»

Hilfsmittel selber angefertigt

In der Dressur herrscht ein sehr strenges Reglement. Bereits ein kleiner Fehler kann zur Disqualifikation führen. Para-Reiter werden aufgrund ihres Handicaps klassifiziert und erhalten eine Identitätskarte. Wie Meyer erklärt, werden die Handicaps in vier Grade eingeteilt. «Mein Handicap gehört zum Grad vier. Lähmungen oder das Fehlen von Extremitäten sind Grad 1.» Auf der Identitätskarte wird festgehalten, welche Hilfsmittel der Para-Reiter braucht. Damit Meyer optimal reiten kann, benötigt sie spezielle Zügel. «Ich habe sie zusammen mit meiner Reitlehrerin angefertigt.»

Vom Reitfieber angesteckt ist mittlerweile auch Meyers Mann Eduardo. Gemeinsam nehmen sie an Wettkämpfen teil oder reiten abends aus. «Auf dem Pferderücken vergessen wir alle unsere Alltagssorgen.»

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