Muri

Regisseur inszeniert Theaterstück mit Tagebuch seiner Grossmutter

Sebastian Krähenbühl liest im Stück «Die Bedürfnisse der Pflanzen» aus den Tagebüchern seiner Grossmutter vor und lässt diese per Video auch selber mitreden. zvg/Judith Schlosser

Sebastian Krähenbühl liest im Stück «Die Bedürfnisse der Pflanzen» aus den Tagebüchern seiner Grossmutter vor und lässt diese per Video auch selber mitreden. zvg/Judith Schlosser

Sebastian Krähenbühl aus Birri bringt ein Stück über die Tagebücher seiner Grossmutter Silvia in die reformierte Kirche. Seine Grossmutter mochte er aber eigentlich gar nicht.

Alles begann mit dem Vergessen: Sebastian Krähenbühl kannte seine Grossmutter Silvia nicht sehr gut, doch er bemerkte, dass sie sich veränderte, als ihre Demenz sie langsam Dinge vergessen liess. «Geschichten, die sie oft erzählt hatte, wurden plötzlich anders, sie vermischte Sachen. Das Spannendste war, dass die Frau, die ich als hart, beinahe gnadenlos gekannt hatte, auf einmal weich und sentimental wurde.» Die Faszination liess ihn nicht mehr los, obwohl er seine Grossmutter eigentlich gar nicht mochte. Er führte Videointerviews mit der über 80-jährigen Silvia. Und nach ihrem Tod 2006 las er ihre Tagebücher und Briefe. So erfuhr er ihre Geschichte – und brachte sie auf die Bühne.

Zurück zur Natur

Silvia stammte aus gutem Hause. «Sie wuchs in einem fortschrittlichen, wohlhabenden Haushalt in einer Zürcher Villa auf.» Sie interessierte sich für die Wandervögel, eine studentische Jugendbewegung, die zurück zur Natur finden wollte. «Das wurde sehr verklärt, romantisch betrachtet.» So verwunderte es Krähenbühl nicht, dass seine Grossmutter Gärtnerin wurde und sich im Landdienst in Zurzach in einen Bauern verliebte. «Sie wollte ihn um jeden Preis heiraten, obwohl ihre Familie davor warnte.»

Aus jener Zeit stammen 50 lose, beschriebene Blätter, in denen romantisch dargestellt wird, wie Silvia ihren Mann kennenlernte. Während der ersten Zeit der Ehe schrieb sie dann ein Büchlein. «Es ist sehr düster. Die Romantik und Naturnähe verkehrte sich in ihrer Sprache in Sturheit und Engstirnigkeit der Bauern.» Dennoch blieb sie auf dem Hof, «obwohl schon ihre Eltern sich getrennt hatten, inklusive Trennungsvereinbarung, was damals mehr als fortschrittlich war». Silvia hörte auf zu schreiben.

60 Tagebücher über 20 Jahre

Erst 40 Jahre später, als sie krank wurde und der Arzt ihr ans Herz legte, etwas für sich zu tun, begann Silvia, Tagebuch zu führen. «Meine Geburt ist auf Seite fünf des ersten Buches erwähnt.» Es sollten insgesamt 60 Bücher werden, die Silvia über 20 Jahre verteilt schrieb. Ausserdem sind Briefe erhalten, die ältesten stammen von 1927, die jüngsten von 2000. «Alle Briefe waren säuberlich geordnet, inklusive Antwortbriefe von meiner Grossmutter. Ich nehme an, sie hat sie zurück geholt oder abgeschrieben.»

1991 starb Silvias Mann und sie zog aus dem Zurzibiet nach Muri, in die Nähe ihrer Tochter, die mit ihrer Familie in Birri lebte. «Erstaunlicherweise zeigten ihre Aufzeichnungen, dass sie dann beinahe wieder zum Teeniemädchen wurde, das an den Seniorentanznachmittagen mit den Männern tanzte und mit ihrem Freund knutschte.» Dann wurden die Aufzeichnungen schludriger, erst äusserlich, dann auch inhaltlich – Zeichen der Demenz.

Ein halbes Jahr zum Lesen

Lange Zeit wusste Krähenbühl nicht, was er nun mit all den beschriebenen Seiten und Videoaufnahmen anfangen sollte. «Aber etwas musste ich machen, sonst hätte ich es ewig mit mir herumgetragen.» Der Schauspieler nahm sich ein halbes Jahr Zeit dafür. Zusammen mit Regisseur Lukas Bangerter und anderen entstand das Stück «Die Bedürfnisse der Pflanzen». Darin liest Krähenbühl aus Tagebüchern und Briefen vor, führt aber auch ein Interview, auf dessen Fragen Silvia von der Leinwand aus antwortet. «Ich habe mir sehr lange überlegt, ob ich das machen darf. Aber sie zeigte in ihren Briefen und einer angefangenen Autobiografie so viel Mitteilungsdrang, dass ich es vertretbar finde.»

Das Theaterstück läuft seit bald einem Jahr und kommt nun nach Muri, wo Silvia ihre letzten gut zehn Jahre verbrachte. Familienangehörige nahmen das Stück mit gemischten Gefühlen auf. «Aber bei den anderen Zuschauern kam es sehr gut an», freut sich der Schauspieler. «Es scheint etwas in ihnen auszulösen. Ich erlebe oft, dass die Leute mir nach der Vorstellung unbedingt ihre Geschichte erzählen wollen. Ich merke, dass ich sie damit berühre – was will ein Schauspieler mehr?»

Der Titel des Stücks entstammt übrigens den Videoaufnahmen: «Einmal schaute meine Grossmutter ihre Topfpflanzen an und konnte nicht verstehen, weshalb deren Bedürfnisse nicht alle gleich sind. Sie sagte, es sei doch dasselbe Wasser und dasselbe Licht. Ich fand das sehr spannend.»

Das Theater«Die Bedürfnisse der Pflanzen» wird am 20. März um 20. 15 Uhr in der reformierten Kirche Muri aufgeführt.

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