Hadi Asani weiss: Heute ist kein Montagmorgen wie jeder andere. Heute kommt der aargauische Bildungsdirektor vorbei und will wissen, wie es an der Schule Niederwil zu und her geht.

Alex Hürzeler besucht im Jahr nur eine Handvoll Schulen. Niederwil steht deshalb gewissermassen stellvertretend für die ländlichen Schulen im Freiamt.

Die Aufgabe, den Regierungsrat über die Realschule zu informieren, übernehmen Asani und vier seiner Kolleginnen und Kollegen gleich selbst.

Wer stört, geht wandern

Als wäre es nichts – nicht aber als wäre ihr Gegenüber niemand – präsentieren die fünf Realschüler Jason Müller, Edvaldo Texeira, Miranda Lukaj, Cassandra Theiler und Hadi Asani eine Art «Niederwiler Modell» von Realschule.

In dessen Zentrum steht die Arbeit in Gruppen. Ziel ist es, die Schüler zu selbstständigen jungen Frauen und Männern zu machen und ihnen im Wettbewerb um Lehrstellen eine echte Chance zu geben.

Hürzeler ist offen und kommt mit den Schülern sofort ins Gespräch. Asani erklärt den Unterricht so: «Es gibt vier Gruppen, immer nach 20 oder 25 Minuten wechseln wir die ‹Insel›. Bei uns arbeitet jeder Schüler individuell an seinem Stoff.»

Mit «Insel» meint Asani Lern-Insel, eine Art Gruppenarbeitstisch im Klassenzimmer. Wer etwas nicht versteht, fragt jemanden aus der Gruppe.

Wenn auch in der Gruppe niemand weiter weiss, kommt die Lehrperson zum Zug. Die ist zwar immer im Raum, greift aber eher selten ins Geschehen ein. In jeder Gruppe gebe es einen Gruppenchef, der mehr Verantwortung trage als seine Kameraden und ein allfälliges Anliegen dem Lehrer vorbringt.

Damit nicht einfach unkoordiniert drauflos gearbeitet wird, planen die Lehrpersonen gemeinsam mit den Schülern alle zwei Wochen, was wann fertig sein muss, erzählen die Schülervertreter.

In sachlichem Ton führen die Jugendlichen den Bildungsdirektor weiter durch die Räumlichkeiten, durch das Ober- und das Unterdeck, wie die Etagen intern genannt werden, und erzählen von den etwas anderen Ritualen in Niederwil.

Am Morgen kommen jeweils alle Schüler in einem Kreis zusammen. 15 Minuten lang wird alles Mögliche besprochen – diesen Montag natürlich Fussball – danach rotieren die Gruppen wie beschrieben bis zum Mittag zwischen den Inseln und jeder arbeitet für sich.

Vierteljährlich gibt es Naturgruppen und am Montagmorgen hat sich der «Monday walk» als Ventil der aufgestauten «Wochenend-Energie» bewährt. Wer sich nicht konzentrieren kann, geht wandern. So können die anderen in Ruhe arbeiten. Die verlorene Zeit wird nachgeholt.

Lob für Schüler und Schule

Diverse Fragen Hürzelers zur Leistungsüberprüfung («Klar, alle zwei Wochen»), zum Prüfungsstress («Kennen wir eigentlich nicht») oder Lehrstellen («Alle ausser zwei haben schon eine»), beantworten Asani und seine Kollegen ohne Scheu und Zögern.

Die tadellose Präsentation, die weder auswendig gelernt noch einstudiert war, trägt den fünf Jugendlichen im abschliessenden Gespräch ein grosses Lob von Hürzeler ein, das von «sehr souverän» bis zu «hätte ich in diesem Alter nicht so gut gemeistert» reicht.

Das freut die Architekten dieses «Modells», Lehrer Mark Fry und Schulleiter Georg Merki. «Viele Ansätze wie ‹Coaching› oder ‹Gruppenarbeiten› sind nicht neu.

Unser Glück ist, dass hier viele sehr flexible und motivierte Lehrkräfte arbeiten und die Schulpflege der Lehrerschaft viel Gestaltungsraum gelassen hat», erklärt Fry. Erfreut stellte auch Alex Hürzeler fest: «‹Schule vor Ort› mit weiten Leitplanken funktioniert hier.»