Ein Dienstagabend im September 2011, ein Bus hält in Villmergen, ein Pärchen steigt aus, beide haben im Verlaufe des Abends Alkohol getrunken. Auf dem Nachhauseweg kommt es zu einer Auseinandersetzung, die junge Frau sticht im Handgemenge ihrem Freund mit einem Victorinox-Taschenmesser in Hals und Rücken.

In einer ersten Hauptverhandlung Anfang 2013 wird die Frau der versuchten Tötung angeklagt, die Verteidigung beantragt einen vollumfänglichen Freispruch. Der Mann gibt an der Verhandlung bekannt, er habe kein Interesse daran, dass seine Freundin verurteilt würde.

In einem solchen Fall ist es möglich, sofern das Opfer seine Meinung innerhalb eines halben Jahres nicht ändert, dass der oder die Angeklagte straffrei ausgeht. Das Gericht beschloss daraufhin die Einstellung.

Für einmal einer Meinung

Damit war der Fall eigentlich abgeschlossen. Nun hat aber das Obergericht interveniert, worauf das Bezirksgericht Bremgarten für gestern Donnerstag eine zweite Verhandlung angesetzt hat. Gerichtspräsident Lukas Trost erklärte diesen Schritt: «Das Obergericht liess durchblicken, dass Zweifel an der Zulässigkeit der Einstellung bestehen.»

Deshalb wolle man den Fall nochmals «richtig diskutieren», damit es einen Entscheid gäbe, den das Obergericht akzeptiere. «Wir haben aber grösstes Verständnis, dass sie diesen Fall abgeschlossen haben wollen», so Trost zu der Angeklagten.

Staatsanwalt Beat Sommerhalder war mit dem Vorgehen des Gerichts nicht einverstanden: «Ich erachte diese Verhandlung als gegenstandslos.» Unterstützung kam von der Gegenseite.

Rechtsanwältin Renate Senn, die nach dem Urteil des Obergerichts die Verteidigung übernahm, fand gar noch deutlichere Worte: «Mit einer zweiten Verhandlung hält sich das Gericht nicht an die Strafprozessordnung – es hat bereits ein Urteil gefällt. Es kann nicht zwei noch nicht rechtskräftige Urteile in derselben Sache von derselben Instanz geben: Das Bezirksgericht Bremgarten ist nicht mehr zuständig.»

Das Obergericht, und so fasste es auch die Staatsanwaltschaft auf, habe lediglich interveniert, weil das Urteil nicht ausreichend begründet war. Dies müsse das Gericht nachholen. Beide Seiten stellten den Antrag, die Verhandlung abzusagen.

Nachdem sich das Gericht beraten hatte, folgte es diesen Anträgen, obwohl Trost damit sichtlich unglücklich war: «Es könnte zwar sein, dass uns das Obergericht ein Urteil verbietet – auch das Obergericht drückt sich nicht immer präzise aus. Wir wollten aber proaktiv handeln, nicht in unserem Interesse, sondern in dem der Angeklagten. Dieser Fall ist keine Glanzleistung aller beteiligten Juristen.»

Nun müsse man ein «rechtswidriges Urteil» begründen, das dann von der Staatsanwaltschaft vermutlich angefochten werde. Nach der Verhandlung darauf angesprochen, widerspricht Sommerhalder: «Das Urteil ist nicht rechtswidrig. Wir entscheiden anhand der Urteilsbegründung, ob wir den Fall weiterziehen oder nicht.»

Trost betonte auch, dass kein Rechtsmittel gegen die Verhandlung ergriffen wurde. Dazu Rechtsanwältin Renate Senn: «Wir haben vor der Verhandlung einen schriftlichen Antrag eingereicht und darum gebeten, die Verhandlung abzusagen, was der Gerichtspräsident ablehnte. Ein Rechtsmittel gegen jenen prozessleitenden Entscheid gibt es nicht.»