Berikon/Bern

Polit-Unterricht an der Quelle: Beriker Schüler tauschen Klassenzimmer gegen Bundeshaus

Die Beriker stimmen über die Volksinitiativen ab.

Die Beriker stimmen über die Volksinitiativen ab.

Die Sekundarschülerinnen und -schüler der Kreisschule Mutschellen durften einen Tag lang Luft als Nationalräte schnuppern. Mit Anzug, Krawatte, Fliege und Highheels bekleidet, erwartete die Jugendliche ein straffer Zeitplan im Bundeshaus.

Die ÖVP hat mit ihrer Initiative «Kostenloser öffentlicher Verkehr für Jugendliche» im Nationalrat mit 52:35 Stimmen Schiffbruch erlitten. Eine schmerzliche Niederlage für den Beriker Nationalrat Alessandro Zanetti: «Das Resultat ist enttäuschend und der Ausgang der Abstimmung nicht verständlich.» Sein Freiämter Parteikollege Jan Widmer nennt den Sündenbock beim Namen: «Die Welschen haben sich gegen uns verschworen.»

Freude an den Romands hatte hingegen Bundesrätin Elisabeth Kopp. Sie zog den Gegenvorschlag des Bundesrates zurück; für sie und den Bundesrat sei das Thema erledigt.

Real und doch fiktiv

Den ÖVP-Nationalrat Alessandro Zanetti gibt es (noch?) nicht und die legendäre Elisabeth Kopp (80) ist als Bundesrätin schon längst in Rente. So war die Session am Donnerstag in Bern zwar real und doch fiktiv.

Sekundarschüler der Kreisschule Mutschellen sind mit Lehrer Thomas Leitch für eine Woche nach Bern gefahren, um Politik hautnah zu erleben. Der Verein «Schulen nach Bern» ermöglicht regelmässig solche Projektwochen (siehe nachfolgende Box). Vor dem Aufenthalt wird den Jugendlichen während 15 bis 20 Lektionen die nötige Theorie vermittelt. Im praktischen Teil in Bern bilden sich Parteien und Kommissionen. Die Schüler lancieren auch eine eigene Initiative, die an der Session behandelt wird. Neben den Berikern waren auch Schulen aus Eglisau, Sierre, Glarus und Aubonne vertreten.

Am Montag kamen die Jugendlichen in der Landeshauptstadt an, wohnten zusammen in einer Zivilschutzanlage und bewältigten einen straffen Terminplan. Es wurden Unterschriften gesammelt, an Besprechungen und Sitzungen teilgenommen und Führungen durchs Bundeshaus und durch die Luxemburger Botschaft absolviert.

Höhepunkt der Projektwoche: die Session im Nationalratssaal. Anzug, Krawatte, Fliege und Highheels – die Schüler warfen sich in Schale und waren sichtlich aufgeregt. Was nicht nur am Schlafmangel lag. «Es ist schon speziell, vor Frau Kopp und dem Generalsekretär der Bundesversammlung, Philippe Schwab, zu sprechen», sagte Noelle Kuhn. Philippe Schwab eröffnete die Session: «Es braucht Mut, um unsere Demokratie zu verteidigen» und «Das Bundeshaus ist euer Haus», sagte er.

Erfahrungen fürs Leben

Geleitet wurde die Versammlung von einem französisch sprechenden Präsidenten. Trotz Simultanübersetzung kam es bei der ersten Abstimmung zu Verwirrungen: «Nehmt doch die Hände runter! Das ist der falsche Entscheid!», probierte Klassenlehrer Thomas Leitch seine Schüler auf den Fehler aufmerksam zu machen.

Die Schüler bei der Debatte im Nationalratssaal.

Die Schüler bei der Debatte im Nationalratssaal.

Nach der Ablehnung ihrer Initiative war die Stimmung unter den Schülern zwar gedrückt, trotzdem waren sie stolz auf ihre erbrachten Leistungen. Die 15-jährige Noelle Kuhn fasste ihre Erfahrungen zusammen: «Ich dachte, dass diese Woche langweilig wird. Aber die Session war sehr spannend, ich habe viel gelernt und überlege mir, in Zukunft politisch aktiv zu sein.» Und Alessandro (16) weiss schon jetzt: «Ich will einmal Mitglied der SVP werden.»

Nationalrat Alessandro diskutiert mit Gegnern seiner Initiativen.

Nationalrat Alessandro diskutiert mit Gegnern seiner Initiativen.

Alt-Bundesrätin Elisabeth Kopp war als Repräsentantin des Bundesrates anwesend. Sie ist der Meinung, dass sogar ein zukünftiger Nationalrat unter den Jugendlichen sitzen könnte: «Die Chance besteht. Hätte man mir in diesem Alter gesagt, dass ich einmal Bundesrätin würde, hätte ich einen Lachanfall bekommen.» Das Planspiel sei eine gute Alternative zum trockenen Schulunterricht: «Geben wir es doch zu: Nur Theorie ist langweilig und niemand behält den Stoff. Die Erfahrung hier jedoch ist eine Erfahrung fürs Leben.»

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