Muri
Pflegende Angehörige: Hilfe suchen, bevor man kaputtgeht

Menschen mit kranken oder behinderten Familienmitgliedern kennen Unterstützungsangebote vielfach zu wenig oder scheuen sie fälschlicherweise. Mit einer Podiumsdiskussion, begleitet von einem Film, sollen diese Missstände angegangen werden.

Eddy Schambron
Merken
Drucken
Teilen
An Ständen zeigten verschiedene Anbieter, was möglich ist. Eddy Schambron

An Ständen zeigten verschiedene Anbieter, was möglich ist. Eddy Schambron

Eddy Schambron

Hingabe bis zur Erschöpfung. Und manchmal darüber hinaus: Angehörige, die kranke Partner, Kinder mit Behinderungen oder die gebrechlichen Eltern pflegen, leisten einen grossen Einsatz. An der erstmaligen Informationsveranstaltung für pflegende Angehörige in Muri kamen verschiedene Aspekte zur Sprache – auch überraschende.

«Als Angehörige machte ich es auch für mich», sagte etwa Marie-Theres Keller von der Vereinigung der Angehörigen von psychisch Kranken (VASK). Bestätigung bekam sie von einer Frau aus dem Publikum: «Ich brauche es für mich, meiner Mutter zu helfen.» Christine Meier vom Entlastungsdienst Schweiz, Aargau-Solothurn, empfand diese Aussagen schon fast als Provokation. Sie erlebt immer wieder, wie pflegende Angehörige sozusagen ihr eigenes Leben aufgeben (müssen).

Martina Gschwend wiederum, die Dritte am Podiumsgespräch unter der Leitung von Richard Züsli von der Fachstelle Alter des Departements Gesundheit und Soziales, brachte die Sicht der gepflegten Person ein; sie erlitt mit 27 Jahren eine Hirnblutung und kämpfte sich auch dank pflegenden Angehörigen ins Leben zurück.

Hier finden Sie Hilfe und Unterstützung

Wenn nichts mehr geht oder besser, bevor nichts mehr geht, sind sie da: Vereine, Organisationen und Institutionen, die Hilfe und Unterstützung anbieten können. Das zeigte sich an den aufgebauten Informationsständen vom Schweizerischen Roten Kreuz, dem Alterswohnheim St. Martin, der Pflegi Muri, der Spitex Muri und Umgebung, der Pro Senectute Muri, dem Entlastungsdienst Aargau/Solothurn, von Alzheimer Aargau und Benevol Aargau.

Rat- und hilfesuchende Menschen aller Generationen erhalten zudem über die Drehscheibe Gesundes Freiamt Antwort auf alle Fragen zur Begleitung im häuslichen Umfeld und zur Pflege im Alter. Das Beratungsteam, geführt von Pia Lauper von der Pro Senectute Muri, erteilt kompetente und neutrale Auskunft mit dem Ziel, dass Menschen, die Pflege oder Betreuung brauchen, jederzeit am geeigneten Ort sind. Die Beratung erfolgt in der Regel am Telefon.

Mehr Informationen: www.gesundes-freiamt.ch; per Mail an drehscheibe@gesundes-freiamt.ch oder telefonisch unter 056 670 00 07.

Berührende Einblicke

Der Film «Zwischen Wunsch und Verpflichtung» gab berührende Einblicke in die Situation von Menschen, die ihre kranken, behinderten und alten Angehörigen begleiten und pflegen.

Eine behinderte Tochter verlangt nach Pflege rund um die Uhr, nach einer Operation wird ein Mann zum Tetraplegiker und vollkommen abhängig von seiner pflegenden Frau, ein Hirnschlag katapultiert nicht nur einen Architekten, sondern auch seine Frau in ein völlig anderes Leben, eine Tochter übernimmt die Mutterrolle durch die Pflege ihrer Mutter, ein Mann muss Schritt für Schritt von seiner in die Demenz entschwindenden Frau Abschied nehmen.

Die Beispiele zeigen, sie können für jede und jeden Realität werden. Jährlich arbeiten pflegende Angehörige rund 64 Millionen Stunden unbezahlt in der Betreuung und Pflege von nahestehenden Personen. Das entspricht rund der Hälfte der gesamten Betreuungs- und Pflegeaufgaben in der Schweiz. «Ohne diese pflegenden Angehörigen würde das System zusammenbrechen», sagt Keller.

Verantwortung teilen

Zusammenbrechen ist denn auch das Stichwort für pflegende Angehörige. Bevor es so weit kommt, sollten sie Hilfe holen – und annehmen. «Die Verantwortung teilen, sonst geht man kaputt», betont die Politikerin Christine Egerszegi, die sich mit zwei Pflegebedürftigen total überfordert fühlte und ihre Kinder zu Hilfe rief. Freiräume, Entlastung, professionelle Hilfe suchen, etwas für sich selber tun sind Empfehlungen von pflegenden Angehörigen.

Das ist allerdings nicht immer so einfach, wie sich herausstellt: Vielleicht ist das Angebot, etwa entlastende Tagesplätze in einem Heim, nicht in der Nähe, vielleicht sind die Kosten zu hoch, vielleicht ist das Finden von Unterstützung mit viel Mühe und Telefonanrufen verbunden, vielleicht bockt aber auch der zu Pflegende und verweigert externe Hilfe. «Reden miteinander, schauen, was funktioniert, was funktioniert nicht, pragmatische, unbürokratische Lösungen anstreben», meint Keller. Denn wer selber draufgeht, kann nicht mehr helfen und unterstützen.