Hermetschwil-Staffeln
Pfarrer mit Herzblut liest Gläubigen die Leviten

Im Rahmen des 852-Jahr-Jubiläums feiertern die Hermetschwiler einen Gottesdienst mit Pfarrer Ernst Sieber. Der Seelscorger, der sich seit längerem für Randständige stark macht, redete den anwesenden Gläubigen dabei ins Gewissen.

Fabian Hàgler
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Pfarrer Sieber
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Pfarrer Sieber
Pfarrer Sieber
Pfarrer Sieber
Silvia Roth & Julian Thaler
Pfarrer Sieber
Diakon Hess, Pfarrerin Dobler, Pfarrer Sieber
Pfarrer Ernst Sieber hielt in Hermetschwil-Staffeln eine eindrückliche Predigt

Pfarrer Sieber

AZ

Wer Pfarrer Ernst Siebers Predigt besucht, kann mit allem rechnen - ausser mit einem 08/15-Programm. Deshalb fanden sich am Sonntag rund 200 Gäste in der Pfarrkirche Bruder Klaus ein. Der Saal war bis auf den letzten Sitz gefüllt. Neben der Predigt des prominenten Pfarrers stand die Taufe von Julian Thaler und Gospelgesang der Südafrikanerin Silvia Roth auf der Agenda.

Auf den ersten Glockenschlag um 10 Uhr eröffnete Diakon Ueli Hess den Gottesdienst. Weniger Aufmerksamkeit als das Publikum schenkte Pfarrer Sieber dem Anfangsgebet - er kümmerte sich stattdessen um seine fehlerhaft geknüpfte Robe. Auf Diakon Hess folgte die Bremgartner Pfarrerin Corinne Dobler. Im Gegensatz zum herrlichen Frühlingswetter vor den Türen stimmte sie sehr düstere Töne an. «Wo ist Gott in Zeiten der Krise?», fragte sie die versammelte Gemeinschaft. Damit verwies sie - wie auch später Pfarrer Sieber - auf die Katastrophe in Japan und auf die Gräueltaten in Lybien. Sie spendete jedoch Mut, indem sie erklärte, Gott sei immer mit uns und helfe uns durch die schwierige Zeit.

Sieber hielt emotionale Predigt

Schliesslich trat Pfarrer Sieber vor den Altar. Seine Predigt glich einer emotionalen Achterbahn: Zu Beginn folgte eine humorvolle Pointe auf die nächste. Beispielsweise erzählte er von einem Politiker, der nach Ablauf der Redezeit stets mit einem Glöckchen läutete. Sieber entgegnete diesem: «Wir Pfarrer sind es uns gewohnt, erst nach dem Glockenläuten zu sprechen». Auch an der gestrigen Rede überzog er seine Redezeit - ganz zur Freude der Zuhörer. Darauf sprach er jedoch ein finsteres Kapitel an. Er berichtet von der Misere und der Armut der Leute - auch in der Schweiz. «Wo bleibt der Mensch? Sind wir uns nicht entfremdet?», ruft er dem Publikum zu. Alle im Saal hängen gebannt an seinen Lippen. Wir hätten den Bogen überspannt, meint er. Immer wieder zitiert er Passagen aus der Bibel und Gedichte, die seiner Rede Nachdruck verleihen.

Kritik an der Bürokratie

Pfarrer Ernst Sieber nimmt kein Blatt vor den Mund. Er scheut sich nicht, Gesellschaftskritik zu äussern. Sieber, der jahrzehntelange Erfahrung mit Leuten am Rande unserer Gesellschaft hat, behauptet: «Der Staat kann nicht lieben». Auch kritisiert er die hiesige Bürokratie, die den Obdachlosen das Leben noch schwerer mache, als es ohnehin sei. Abschliessend rief er die Kirchgänger auf, mehr Mitgefühl und Solidarität für diese Leute aufzubringen.

Der Gottesdienst fand im Rahmen des 852-Jahr-Jubiläums der Gemeinde Hermetschwil-Staffeln statt. Über das ganze Jahr finden zehn Anlässe statt, um den Geburtstag der Gemeinde zu zelebrieren. «Der Höhepunkt wird die Serenade im Klosterhof sein», verspricht OK-Präsident Thomas Burger. Diese wird im Juni stattfinden.