Robert Stäger
Trouvaillen aus dem Nachlass eines Mundartdichters: Wie der Besuch von August Piccard die Menge aus der Fassung bringt

Zum 40. Todestag des Freiämter Mundartdichters Robert Stäger veröffentlicht die AZ Trouvaillen aus seinem Nachlass.

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Der «Aargauer Zeitung» hat Lorenz Stäger Einblick in das umfangreiche Archiv seines Vaters Robert gewährt.

Der «Aargauer Zeitung» hat Lorenz Stäger Einblick in das umfangreiche Archiv seines Vaters Robert gewährt.

Foto: Severin Bigler

Ich stehe bei brennender Sonne zwischen zwei am Boden liegenden Fahrrädern auf dem Trottoir der Walchebrücke. Eine dicke Frau steht hinter mir. Sie schwitzt sehr und sie steht alle fünf Minuten auf die Fussspitzen. Aber er kommt noch nicht.

Immer mehr drängt sich die Masse. Auf dem Dache vom Hauptbahnhof stehen vier Frauen mit weissen Schürzen. Auf den Bäumen längs der Limmat hocken junge Burschen. Schon können die Strassenbahnen nicht mehr fahren.

Ein Fotograf hat den Verstand verloren. Er kommt mit einer Leiter daher gerannt, er steigt auf einer Seite nach oben, geht wieder hinunter; er klettert auf der andern Seite hinauf, schneidet sieben Grimassen, kommt wieder herab, dreht die Leiter, steigt wieder hinauf und kommt nochmals herunter und begibt sich schliesslich anderswo hin.

Jetzt kommt er. Die Menge schreit.

In einem Automobil, das mit einem Schweizer und einem Zürcher Fähnchen beflaggt ist, hocken Piccard und Kipfer. Und der Piccard scheint nicht zu wissen, dass wegen seiner eine ganze Stadt verrückt geworden ist. Er hockt da, wie ein ausgehungerter Schullehrer und schaut erstaunt durch die grossen Gläser seiner Hornbrille.

Hoch, hoch! Rufen sie und dann folgen die andern Autos. Vielleicht hundert, vielleicht zweihundert Automobile folgen Piccard, der Zug will kein Ende nehmen.

Der Verkehr ist gestört, teilweise lahmgelegt.

Die Strassenbahnen halten an. Die Häuser sind beflaggt. Alles wegen des Mannes, der in der Stratosphäre gewesen … Ich weiss es schon! Er war 16'000 Meter hoch in der Luft. Aber vor mir steht eine ältere, müde Krankenpflegerin. Sie ist hager, unscheinbar. Sie verschwindet in der jauchzenden Menge.

Wie, wenn die vielleicht seit dem ersten Tage ihres Berufslebens 16'000 Kranke gepflegt hätte; wenn sie vielleicht an 16'000 Betten gestanden und 16'000 arme, leidende Mitmenschen getröstet hätte …? Würde man wegen ihrer auch eine Stadt beflaggen? Würde man ihr auch zujubeln?

Ach was, das ist ihr Beruf! Das war sie den Mitmenschen schuldig.

So? Es ist nur eine Krankenpflegerin. Sie hat keinen Rekord geleistet. Sie blieb immer drunten auf der Erde in den Spitälern. Das ist nichts Besonderes. Und sie hat auch nie den Kanal durschwommen in sechs Stunden, 23 Minuten, 37,5 Sekunden. Sie ist ein ganz gewöhnlicher, kleiner Durchschnittmensch. Was geht sie uns an?

Aus dem Zürcher Tagebuch