Serie (Teil 2)
Per Autostopp durchs Freiamt – zweimal hintereinander im Wald verirrt

AZ-Praktikant Simon Kuhn reist per Anhalter durchs Freiamt. An seinem zweiten Tag ist er aber mehr zu Fuss unterwegs als mit dem Auto.

Simon Kuhn
Merken
Drucken
Teilen
AZ-Praktikant Simon Kuhn will herausfinden, wie man eine gute Reportage schreibt. Dafür reist er per Anhalter durchs Freiamt.

AZ-Praktikant Simon Kuhn will herausfinden, wie man eine gute Reportage schreibt. Dafür reist er per Anhalter durchs Freiamt.

Fabio Vonarburg

Schon vom Bahnhof aus sehe ich den Spittelturm vor Bremgartens Altstadt in ein Nebelkleid gehüllt. Um 9.32 Uhr laufe ich den Obertorplatz hinunter und geniesse die Aussicht über die Reuss. Die Strassen sind noch beinahe leer. In Kombination mit den alten Gebäuden und verwinkelten Gassen fühle ich mich wie in einer anderen Zeit. Heute ist der zweite Tag meiner Reise, während der ich per Autostopp durchs Freiamt fahre und die Bewohner nach den schönsten Ausflugszielen in der Region frage.

Um Bremgarterinnen oder Bremgarter zu finden, die mir solche Orte vorschlagen können, laufe ich wieder die Altstadt hinauf. Nur eine Frau ist dort, die gerade eine schwere Festbank trägt. Sie fragt: «Kannst du mir kurz helfen?» Ich helfe ihr, und sie stellt sich als Theres Baumgartner vor. «Können Sie mir als Gegenleistung auch behilflich sein?», frage ich sie und erkläre ihr, dass ich auf der Suche nach schönen Ausflugszielen in der Region bin.

Die Altstadt von Bremgarten ist weit über die Kantonsgrenze bekannt und sicher einen Besuch wert.

Die Altstadt von Bremgarten ist weit über die Kantonsgrenze bekannt und sicher einen Besuch wert.

Bilder: Simon Kuhn

Die Bremgarterin hat gleich mehrere Vorschläge für mich: «Der ganzen Reuss entlang ist es toll. Und in Hermetschwil-Staffeln steht das Kloster St.Martin», sagt sie. «In Fischbach-­Göslikon gibt es ausserdem das Mösli. Das ist ein kleines Naturschutzgebiet. Und wenn du schon da bist, kannst du auch die Kirche besuchen.»

Mein erstes Ziel steht fest: Fischbach-Göslikon

Am Kreisel in der Nähe der St.-Josef- Stiftung in Bremgarten suche ich meinen ersten Fahrer. Ein junger Mann hält neben mir an, lässt die Autoscheibe runter und fragt: «Wohin musst du?», «Nach Fi-Gö», antworte ich. «Passt», sagt er, und ich steige ein. Sandro Galli ist mein erster Fahrer. Er muss nach Niederwil, und Fischbach-Göslikon liegt gleich auf dem Weg. Er lässt mich bei der Schule raus und erklärt mir den Weg zum Mösli. Dann verabschieden wir uns.

Das Projekt

In seiner Fachmaturitätsarbeit will AZ-Praktikant Simon Kuhn herausfinden, wie man eine gute Reportage schreibt. Er reist per Anhalter durchs Freiamt und lässt die Leute, die er antrifft, seine Ziele bestimmen. So will er die schönsten Orte im Freiamt finden. In der dreiteiligen Serie erzählt er von seinen Erlebnissen.

Das Naturschutzgebiet ist nicht weit vom Dorf entfernt, trotzdem fühle ich mich weit weg von der Zivilisation. Nach einer Pause am Ufer des Mösli gehe ich zur Kirche in Fischbach-Göslikon. Den ungefähren Weg kenne ich, aber da mein Handyakku leer ist, kann ich ihn nicht auf der Karte nachschauen. Dass ich mir mit meiner Route unsicher bin, scheinen auch Passanten zu bemerken. Als ich bei einer Abzweigung anhalte, spricht mich ein Mann an. «Suchst du etwas?», fragt er.

Dann erklärt er mir den Weg. «Du hast zwei Möglichkeiten: Die Hauptstrasse oder die schönere Strecke hier oben entlang», sagt er. Ich bedanke mich und gehe den oberen Weg weiter. In meinem Leben habe ich schon einige Kirchen und Kapellen gesehen, aber der steinerne Kirchturm in Fischbach-Göslikon ist einzigartig. Durch das dunkle Material sieht er aus wie aus mattem Metall.

Das Fischbacher Moos ist der perfekte Rückzugsort.

Das Fischbacher Moos ist der perfekte Rückzugsort.

Bilder: Simon Kuhn

Auf dem Weg zum Flachsee verlaufe ich mich zum ersten Mal

Vis-à-vis der Kirche stelle ich mich wieder an die Strasse und strecke meinen Daumen raus. Martin Lorenz nimmt mich mit bis zum Kloster Hermetschwil-Staffeln. Er trifft sich gleich mit seiner Frau in Rottenschwil. Ein kleiner Zwischenstopp in Hermetschwil macht ihm nichts aus. «Ich komme aus Rottenschwil», sagt er. «Dort in der Nähe gibt es den Flachsee. Vom Kloster aus sind es bis dorthin nur etwa 30 Minuten zu Fuss.» Er erklärt mir die ungefähre Route und fährt danach weiter.

Das Benediktinerinnenkloster ist in einem guten Zustand und nimmt seit 1973 wieder Novizinnen auf. Im Hof steht ein Brunnen und weiter hinten die Klosterkirche. Das Areal wirkt wie ein eigenes kleines Dorf. Nach meinem Rundgang über das Klosterareal laufe ich los Richtung Flachsee. Der Wegbeschreibung nach muss ich nur geradeaus gehen. Als ich nach zehn Minuten aber nicht die Reuss, sondern wieder die Hauptstrasse sehe, zweifle ich an meinem Orientierungssinn.

Bevor ich mich komplett verirre, suche ich mir an der Hauptstrasse meine nächste Mitfahrgelegenheit und hoffe, die Person könne mir weiterhelfen. Ein Murianer hält an. «Ich suche den Flachsee, aber habe keine Ahnung, wo es langgeht», erkläre ich ihm. «Na, da bist du aber gewaltig falsch», sagt er und stoppt seinen Wagen. «Hier musst du geradeaus durch den Wald, dann solltest du den See sehen.» Etwas verunsichert steige ich aus und gehe los. Als ich nach 20 Minuten den Flachsee noch nicht erreicht habe, fange ich an, mir Sorgen zu machen.

Habe ich mich verirrt? Doch dann sehe ich endlich das Ende des Walds. Vor mir befindet sich aber kein Fluss oder See, sondern ein Feld, dahinter noch mehr Bäume. Am Waldrand erblicke ich meine Rettung. Ein Auto steht dort. Zwei Männer steigen gerade aus. «Die können mir sicher weiterhelfen», denke ich. Die beiden kommen aus Rottenschwil und können mir den Weg zum Flachsee auf ihrem Handy zeigen. «Der Flachsee ist noch ein Stück weiter vorne», sagt der eine. «Hier befindet sich nur ein Nebenkanal des Naturschutzgebiets.»

Dank einem Fischer finde ich den richtigen Weg

Auf dem Weg zum See höre ich Vögel zwitschern und begegne sogar einem Gänseschwarm. Langsam nähere ich mich den Tieren, um Fotos zu schiessen. Schnell bemerkt mich die erste Gans und fliegt davon, mit ihr gleich der ganze Schwarm. Am Flachsee angekommen, sehe ich die Gänse wieder. Was für ein Anblick. Nicht weit von mir entfernt steht ein Fischer am Ufer.

Um schnell nach Hermetschwil zurückzufinden, frage ich ihn nach dem Weg. «Du musst geradeaus laufen, dann kommst du zum Kloster», sagt er. Ich bedanke mich und gehe los. Nach einem kurzen Fussmarsch sehe ich das Kloster wieder und mir wird mein Fehler klar: Bei einem Bauernhof in der Nähe des Klosters habe ich die falsche Abzweigung genommen. Das hat mich knapp zwei Stunden gekostet.

Die Klosterkirche in Hermetschwil-Staffeln ist imposant verziert.

Die Klosterkirche in Hermetschwil-Staffeln ist imposant verziert.

Bilder: Simon Kuhn

Vom Kloster aus ist es nur noch ein Katzensprung bis zur Hauptstrasse. Dort warte ich auf eine Mitfahrgelegenheit. Ein Maurer aus Bremgarten nimmt mich mit, und ich kann meine Füsse einen Moment ausruhen. «Der Hasenberg auf dem Mutschellen ist schön», sagt er, nachdem ich ihn nach weiteren Ausflugszielen gefragt habe. Beim Kreisel neben der St.-Josef-Stiftung in Bremgarten lässt er mich raus.

Schon wieder nehme ich den falschen Weg

Ich laufe die Altstadt hinauf zum Bahnhof, wo ich mir eine Powerbank, einen Akku fürs Handy, kaufe. Damit ich mich für das Stöppeln schon einmal in der richtigen Richtung befinde, laufe ich zur Mutschellenstrasse. Es gibt aber ein Problem. Der ganzen Strasse entlang verlaufen Bahngleise. Ein Auto kann dort unmöglich halten. Umkehren möchte ich nicht, also muss ich die Strecke nach Widen zu Fuss gehen.

Als ich in Widen ankomme, muss ich wenigstens nicht lange auf einen Fahrer warten. Ein junges Paar nimmt mich mit und bringt mich zur Stiftung Haus Morgenstern auf dem Hasenberg, wo ich um 16 Uhr ankomme. Am Ende der Fahrt geben sie mir einen Tipp: «Wir waren hier einmal an einem See. Ich glaube, er heisst Egelsee. Er ist etwa 30 Minuten von hier entfernt», sagt die Frau. Mit meinem inzwischen aufgeladenen Smartphone gehe ich in den Wald. «Dieses Mal kann ja nichts schiefgehen», denke ich.

Dass ich auf der Karte einige Meter vom Weg ab bin, verunsichert mich nicht. Meine Internetverbindung ist hier ziemlich schlecht, und einen anderen Weg sehe ich nicht. Als ich aber nach 30 Minuten, dann 40 Minuten und nach 50 Minuten immer noch nicht am Ziel bin, werde ich skeptisch. Ich schaue auf die Karte auf meinem Handy. Der See sollte direkt neben mir sein. Ich gehe ein Stück in den Wald hinein und da sehe ich ihn endlich. Er ist in der Tat nur wenige Meter neben mir, aber ein steiler Abhang trennt uns.

Die Wanderung geht zu Ende

Mittlerweile ist es fast 17 Uhr und ich muss mich entscheiden, ob ich zum See gehen oder noch einen anderen schönen Ort aufsuchen soll. Ich entscheide mich, zum See zu gehen. Im Sommer ist es hier sicher wunderschön, aber der kalte Wind und der Nebel machen den Platz für mich nicht gerade einladend. Dazu kommt, dass ich müde bin. Zur Stiftung Haus Morgenstern finde ich zum Glück ohne Probleme zurück.

Inzwischen ist es nach 18 Uhr und ich mache mich wieder auf den Weg nach Hause. Zu meinem Glück nimmt mich eine Besucherin der Stiftung Haus Morgenstern gleich mit nach Bremgarten, wo ich mich nur noch in die Bahn setzten muss. Ich finde, mein zweiter Tag glich eher einer Wanderung als einer Reise per Anhalter. Ich habe dafür einiges erlebt und Orte gesehen, die ich sonst nie besucht hätte.