Serie (Teil 3)

Per Autostopp durchs Freiamt: Essen bei der ältesten Wirtin des Freiamts

Der Regenbogen beim Murimoos entschädigt für all den Regen.

Der Regenbogen beim Murimoos entschädigt für all den Regen.

AZ-Praktikant Simon Kuhn reist per Anhalter durchs Freiamt. An seinem letzten Tag führen ihn zwei Freiämter durch ihre Heimat.

Ich laufe das Perron am Bahnhof Muri entlang. Graue Wolken ziehen über meinem Kopf vorbei und es regnet. Ich nehme mein Handy hervor. Es ist 9.23 Uhr. Heute ist der letzte Tag meiner Reise, auf der ich die schönsten Ausflugsziele im Freiamt suche. Die Leute am Bahnhof laufen schnell und mit geradem Blick an mir vorbei. Bei dem Wetter möchte wohl niemand lange draussen sein. Jemand bleibt aber neben dem Billettautomaten stehen.

Der junge Murianer kann mir meine ersten Reiseziele geben. «Du musst unbedingt beim Kloster Muri vorbei», sagt er und zeigt auf die Klostertürme, die schon vom Bahnhof aus sichtbar sind. «Das einzig andere Sehenswerte hier ist das Murimoos oder vielleicht ein paar Kirchen, wie die in Boswil oder Bünzen.»

Als Erstes gehe ich zum Kloster. Für diese Strecke brauche ich keinen Fahrer, aber als mir Regentropfen die Wange hinunterlaufen, sässe ich doch lieber in einem warmen Auto. Das Kloster Muri ist eine ehemalige Benediktinerabtei und wurde im Jahr 1027 gebaut. Mittlerweile befindet sich im Ostflügel des Lehmannbaus die Pflegi Muri. Im Osttrakt ist das Klostermuseum und das Museum Caspar Wolf im Singisenflügel.

Die Klosterkirche in Muri ist innen filigran mit Gold verziert.

Die Klosterkirche in Muri ist innen filigran mit Gold verziert.

Von Hobby-Marathonläufer auf dem Weg aufgegabelt

Von der Klosterkirche aus gehe ich unter dem Bahnhof durch und bin während ein paar Sekunden im Trockenen. An der Talstrasse suche ich mir eine Mitfahrgelegenheit zum Murimoos. Nach zehn Minuten Wartezeit nimmt mich jemand mit, aber nicht bis ganz ans Ziel. Dafür nennt mir der Fahrer als Tipp den Horben. Mittlerweile drückt die Sonne durch die Wolken und der Regen nimmt ab. Dafür kommen immer stärkere Windböen auf und es ist immer noch kalt, als ich im Murimoos ankomme. Im kleinen Teich schwimmen viele Enten umher. Die bekannten Störche sind leider nicht hier. Stattdessen sehe ich einen Regenbogen, während ich mich wieder auf den Weg zur Kantonsstrasse mache.

Kurz bevor ich die Strasse erreiche, rennt ein Jogger mit Kind und Hund im Schlepptau an mir vorbei. Bei einem Auto weiter vorne bleibt er stehen und steigt ein. «Das ist meine Gelegenheit», denke ich und lege einen Zahn zu. «Guten Morgen, könnten Sie mich vielleicht ein Stück mitnehmen?», frage ich ihn. «Ja. Natürlich», antwortet Sepp Bürgler. Er muss zwar nicht in dieselbe Richtung, ist aber dennoch so nett, mich nach Bünzen mitzunehmen.

Auf dem Weg erklärt er mir den Grund für seine morgendliche Trainingseinheit. «Ich trainiere für einen Marathon. Und die beiden sind meine Trainer», sagt er und zeigt auf den Rücksitz, wo sein Sohn Julian und sein Hund sitzen. Gleich am Dorfeingang meines Heimatorts Bünzen hält er an. Die Kirche kenne ich gut. Sie und der Friedhof sind noch so schön, wie ich sie in Erinnerung hatte. Ich verbinde damit tolle, aber auch einige traurige Erinnerungen.

Friedhof und Kirche Bünzen im Licht der wenigen Sonnenstrahlen dieses Tages.

Friedhof und Kirche Bünzen im Licht der wenigen Sonnenstrahlen dieses Tages.

An der Dorfstrasse laufe ich an der St.-Anna-Kapelle vorbei nach Boswil. Ich komme an der Zentralstrasse an und strecke meinen Daumen in die Luft. Ein graues Auto hält neben mir an. Zwei Männer sitzen darin. Der eine macht etwas Platz auf dem Rücksitz, während der andere aussteigt und mich fragt: «Wohin musst du?» – «Nach Beinwil, beziehungsweise auf den Horben», antworte ich. «Na, dann ist wohl dein Glückstag. Wir müssen nämlich auch nach Beinwil», sagt er lachend und hält mir die Türe auf. Die beiden stellen sich als Reni und Raphi vor.

«Wir gehen zuerst aber noch etwas essen», sagt Reni. «Du kannst gerne mitkommen. Danach würden wir dich auch auf den Horben fahren.» Eine sichere Mitfahrgelegenheit und etwas Warmes in den Bauch schlage ich nicht aus. Reni und Raphi wollen im Restaurant Sonne in Benzenschwil essen. Reni kündigt unseren Besuch telefonisch an. «Nimmst du auch drei Schnitzel mit Pommes?», ruft er zu mir auf den Rücksitz. «Nein, fünf», antworte ich und denke, das mit den drei Schnitzeln sei Spass.

Von der ältesten Wirtin im Freiamt bedient

Im Restaurant Sonne in Benzenschwil begrüsst uns Theres Lustenberger. Sie ist die Wirtin des Gastbetriebs und mit 91 Jahren die älteste Wirtin im Freiamt. Selbst nach 65 Jahren denkt sie noch nicht ans Aufhören. Serviert werden tatsächlich drei Schnitzel. Sie sind zwar nicht extrem gross, aber dennoch eine ordentliche Portion. Pünktlich zum Essen kommt die Freundin von Raphi, Neschana, vorbei, die gleichzeitig die Schwester von Reni ist.

Zu viert diskutieren wir über meine Reise und was ich sonst noch alles besuchen könnte. Schnell kommen die ersten Ideen zusammen. «Vielleicht wäre der Kinderweg interessant», schlägt Neschana vor. Reni ergänzt: «In meinem Heimatort Wallenschwil gibt es eine kleine Kapelle.» Dorthin fahren wir auch direkt nach der Mittagspause. Während ich die Kapelle besichtige, geht Reni seine Mutter besuchen. Die Kapelle St.Laurentius ist klein, dafür idyllisch gelegen. Sie liegt etwas tiefer als der Rest des Dorfes und nahe des Büntenbachs.

Die Kapelle St.Laurentius.

Die Kapelle St.Laurentius.

Danach fahren wir zu dritt auf den Horben. Auf dem Weg machen wir Halt bei der Pfarrkirche St.Burkard. Dass sie dem heiligen St.Burkard gewidmet ist, merkt man sofort. Vor dem Eingang steht eine Statue von ihm. In der Kirche selbst befindet sich seine Grabstätte und man kann sogar St.-Burkard-­Wasser kaufen. Da ich nur meine Karte und kein Bargeld dabei habe, muss ich meinen Durst aber leider mit normalem Leitungswasser stillen.

Draussen warten Reni und Raphi. Wir fahren los. Das Wetter auf dem Horben ist ziemlich düster. Es weht ein kalter Wind, und durch den Nebel und die Wolken kann ich nicht gerade weit ins Tal schauen. In der Nähe der Alpwirtschaft Horben befindet sich das Schloss Horben. Das im 18. Jahrhundert entstandene Schloss ist derzeit in Privatbesitz. Neben dem Schloss steht die St.-Wendelin-Kapelle. Eigentlich könnte man vom Eingang aus die schöne Aussicht geniessen, aber momentan sieht man nur eine graue Suppe. Raphi geht nach Hause, und ich stelle mich darauf ein, wieder an der Strasse auf eine Mitfahrgelegenheit warten zu müssen. Reni ruft mich aber nochmals ins Auto. Ihm sind noch zwei Sachen eingefallen, die er mir zeigen will. Das erste Ziel ist der Flugplatz Buttwil.

Die beiden letzten Tipps von Reni

Auf dem Flugplatz sind kaum Leute unterwegs. Segelflieger starten heute nicht, dafür ist es viel zu windig. Als wir vom Flugplatz wegfahren, empfängt Reni ein Funksignal und greift sofort nach dem Mikrofon. Er sagt, er sei ein Fan von alter Technik, deswegen hat er auch ein Funkgerät. «Wir müssen den Lindenberg weiter hochfahren», sagt Reni. «Hier habe ich eine schlechte Verbindung.»

Oben angekommen, hören wir einen Mann sprechen. Reni erklärt: «Diesen Typen hatte ich schon oft auf dem Funk. Er kommt von der deutschen Seite des Bodensees.» Reni sagt: «Das Problem ist nur, dass er ein stärkeres Si­gnal hat. Seines kommt zu uns, aber unseres nicht zu ihm.» Wir hören, wie der Deutsche mit jemandem spricht. Auf unsere Fragen bekommen wir jedoch keine Antwort.

Das Ende meiner dreitägigen Reise

Der letzte Punkt, den wir noch besichtigen, ist die Militäranlage in Bettwil. «Das ist zwar kein typisches Ausflugsziel, aber es könnte dennoch interessant sein», sagt Reni. Das Areal der Anlage zieht sich über ein grosses Gebiet. Die Schützengräben und Schiessanlagen sind leider von der Strasse aus kaum zu erkennen. Von hier aus fährt mich Reni wieder zum Bahnhof. Meine dritte Etappe ist vorbei.

Ich finde, meine Reise ist gelungen. Ich habe mich zwar mehrmals verlaufen, aber am Ende habe ich es immer ans Ziel geschafft. Mein erstes Ziel, den Oberniesenberg, fand ich am schönsten. Die Aussicht dort konnte nichts toppen. Aber auch die neuen Bekanntschaften, die ich geschlossen habe, freuen mich. Vielleicht werde ich irgendwann einige im Freiamt wiedersehen.

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