Sarmenstorf

Pascal Bösinger lag nach schwerem Unfall einen Monat im künstlichen Koma: «Ich musste mein Leben neu beginnen»

Pascal Bösiger (rechts) mit Arbeitgeber Kurt Meier bei der Arbeit in der Firma Elektro Meier in Bettwil.

Pascal Bösiger (rechts) mit Arbeitgeber Kurt Meier bei der Arbeit in der Firma Elektro Meier in Bettwil.

Pascal Bösiger aus Sarmenstorf hat sich nach einem schweren Unfall auf den Arbeitsmarkt der Privatwirtschaft zurückgekämpft. Doch das, was Pascal passiert ist, hat bleibende Spuren hinterlassen.

Vor zehn Jahren stand Pascal Bösiger die Welt offen. Er hatte bei der OWS Elektro AG in Sarmenstorf Elektromonteur EFZ gelernt, mit Berufsmatura abgeschlossen, es im Militärdienst bis zum Wachtmeister gebracht und stand kurz vor dem Antritt eines Studiums an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Doch dann erlitt er einen schweren Verkehrsunfall und lag einen Monat im künstlichen Koma. «Ich bin in der Rehaklinik Bellikon wieder aufgewacht, habe von nichts gewusst und musste mein Leben neu beginnen», erinnert sich der 32-jährige Sarmenstorfer.

Statt Vorlesungen zu besuchen, musste sich Pascal jetzt erst wieder die Grundlagen des Lebens beibringen lassen: «Ich war halbseitig gelähmt und musste die zuvor selbstverständlichsten Dinge wieder lernen – gehen, mich ankleiden oder selbstständig essen.» Zwei lange Jahre verbrachte Pascal ­Bösiger in verschiedenen Rehakliniken und das mit eiserner Disziplin. Heute merkt man ihm von den Folgen seines Unfalls auf den ersten Blick kaum etwas an. Pascal Bösiger ist ein aufgestellter, kommunikativer junger Mann, der mit seiner Fröhlichkeit und seinem trockenen Humor sofort grosse Sympathien weckt.

Doch das, was Pascal passiert ist, hat bleibende Spuren hinterlassen: «Geistig bin ich absolut fit. Das allgemeine und berufliche Wissen, das ich mir einst erworben habe, ist noch voll da. Durch einen Gesichtsfeldausfall ist jedoch mein Sehvermögen eingeschränkt und wegen der erlittenen Hirnverletzung werde ich sehr schnell müde. Vor allem, wenn ich bei einer Tätigkeit visuell stark beansprucht bin. Zudem kann ich nicht mehr immer alles, was ich weiss, sofort richtig einordnen und die nötigen Zusammenhänge herstellen», erklärt er.

«Ich will arbeiten und suche die berufliche Verwirklichung»

Pascal Bösiger hat nicht aufgegeben und sich ins Leben zurückgekämpft. Nach einer ersten beruflichen Abklärung am Ende der Rehabilitationszeit versuchte er eine Umschulung zum Elektroplaner: «Das hat leider nicht ­geklappt. Den ganzen Tag vor einem Bildschirm zu sitzen war körperlich und ­visuell zu anstrengend», erklärt er. ­Pascal wurde erneut abgeklärt und erhielt eine volle IV-Rente. Doch das genügte ihm nicht. «Ich konnte von der Rente zwar meinen Lebensunterhalt bestreiten, aber ich wollte nicht als ­reiner IV-Rentner ohne Beschäftigung leben. Ich will arbeiten und suche die berufliche Verwirklichung und Anerkennung.»

In Seengen fand er eine Teilzeitstelle in einer Elektrofirma: «Ich habe diese Stelle selber gesucht, alles Nötige organisiert und war entsprechend stolz», sagt er. Dann bekam er erstmals Unterstützung von der Stiftung Profil, die seit 20 Jahren handicapierte Menschen mit Arbeitgebern verbindet (siehe Infobox am Ende): «Die Stiftung Profil ist sozusagen das Gelenk zwischen Menschen mit Beeinträchtigungen, Arbeitgebern und Sozialversicherungen. Für diese Unterstützung war und bin ich sehr dankbar», erklärt Pascal Bösiger.

In Seengen lief es gut, Pascal fühlte sich fit und beschloss, den Versuch zu wagen, noch mehr aus seinem Leben zu machen und eine Weiterbildung zu absolvieren. Doch das hat leider nicht geklappt: «Mit meinen geistigen Fähigkeiten hätte ich einen Abschluss vielleicht geschafft, ihn mit meinem Handicap später aber beruflich nicht umsetzen können», sinniert der 32-Jährige. Diese brutale Erkenntnis habe ihn vorerst stark beschäftigt: «Da war ich mit 22 Jahren voll auf Kurs und überzeugt, beruflich etwas erreichen zu können. Und dann hat mich dieser Unfall völlig aus der Bahn geworfen.»

Erneut siegten Pascal Bösigers Optimismus und Zielstrebigkeit über seine Niedergeschlagenheit. Er meldete sich auf eine Stelle als Logistiker bei der Stiftung Integra und begann, in der geschützten Werkstätte in Wohlen zu arbeiten. Pascal Bösiger hat nur Lob für die Leute, die dort Tag für Tag Menschen mit Handicap betreuen und ihnen ermöglichen, sich als wertvollen Teil der Gesellschaft zu fühlen. Doch er selber fühlte sich nach einiger Zeit intellektuell unterfordert und der ­Sarmenstorfer suchte weiter.

Über Umwege hörte er, dass die Firma Elektro Meier in Bettwil Leute suchte. «Ein Kollege von Pascal und guter Bekannter von mir hat mich im Juni 2018 angerufen, mir von dem jungen Mann erzählt und mich gefragt: ‹Würdest Du es mit ihm einmal versuchen?›», erzählt Juniorchef und Mitinhaber Kurt Meier. Pascal Bösiger durfte sich vorstellen und konnte im Juli 2018 seine neue Stelle antreten.

«Für mich war wichtig, wie die Zusammenarbeit mit der Invalidenversicherung läuft, wie ich vorgehen muss, damit Pascal keine finanziellen Einbussen oder andere Nachteile erleidet, und auch, wer bei allfälligen Problemen für die Betreuung zuständig ist», sagt Kurt Meier junior. Mit den Beraterinnen und Beratern der Stiftung Profil habe er zuverlässige Ansprechpartner: «Sie schauen, dass alles richtig läuft, aber sie mischen sich nicht über Gebühr ein. Die Stiftung zieht die Fäden so, dass mein Mitarbeiter in jeder Beziehung abgesichert ist», erklärt der Geschäftsführer weiter. Und Pascal Bösiger sagt: «Die Stiftung Profil ist für mich wie ein Götti, der mich berät und mir hilft, wenn einmal etwas nicht ganz rund läuft.»

Mittlerweile arbeitet Pascal Bösiger seit knapp anderthalb Jahren bei der Meier Elektro AG in Bettwil, die insgesamt rund 55 Personen beschäftigt, und er fühlt sich glänzend: «Ich werde für verschiedene Arbeiten eingesetzt – unter anderem im Magazin, für die Sortierung des Wareneingangs und die Verteilung der Post. Daneben kann ich bei Reparaturen von Geräten und dem Verdrahten und Montieren von Sicherungskästen meine beruflichen Fähigkeiten unter Beweis stellen und gelegentlich kann ich auch Elektromonteure auf dem Bau unterstützen», erzählt er.

«Ich spüre, dass ich hier gebraucht und akzeptiert werde»

Ebenso wichtig wie als gelernter Elektromonteur von seinen Arbeitskollegen ernst genommen zu werden ist für Pascal Bösiger die menschliche Komponente: «Ich bin hier super aufgenommen worden, im Team bestens integriert und habe gute neue Kollegen und Freunde gefunden. Ich spüre, dass ich hier gebraucht und akzeptiert werde. Ich kann etwas und ich bin jemand – das macht mich stolz.»

Umgekehrt hat auch Kurt Meier nur Lob für seinen handicapierten Mitarbeiter übrig: «Er arbeitet bei uns in einem 40%-Pensum und ist sehr vielseitig einsetzbar. Und er ist sich für nichts zu schade. Wenn nötig, räumt er auch mal den Geschirrspüler im Aufenthaltsraum aus oder nimmt einen Besen in die Hand.» Zudem, sagt Kurt Meier weiter, trage Pascal Bösiger mit seinem frohen Gemüt sehr viel zu einem positiven Betriebsklima bei: «Ich glaube, ich habe ihn in den letzten anderthalb Jahren kaum je mit schlechter Laune erlebt.»

Kurt Meier, der seit einigen Jahren auch immer wieder Menschen mit Handicap aus der Stiftung Gärtnerhaus, Meisterschwanden, beschäftigt, bezeichnet Bösigers Anstellung als Erfolgsgeschichte und richtet einen Appell an andere Klein- und Mittelbetriebe: «Was wir hier mit Pascal Bösiger machen, das könnten auch andere Betriebe tun. Leute mit Handicap können – und wollen – vielfach mehr leisten, als man ihnen zumutet. Man sollte ihnen vermehrt die Chance geben, sich zu ­beweisen.»

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