Es ist Freitagabend, auf den ersten Blick wirkt das Klosterdorf ruhig, fast schon besinnlich. Doch je näher wir dem Kloster Muri kommen, desto lauter wird es. Es sind jedoch nicht die Klänge einer Kirchenorgel, sondern die eines Akkordeons.

Zum zweiten Mal wird auf dem Innenhof des Klosters ein Oktoberfest gefeiert. Am vergangenen Wochenende haben sich über 1500 Dirndl- und Lederhosenliebhaber hier versammelt. Mode, die in Muri nicht gerade Tradition hat. Trotzdem kommt sie an: Im Festzelt sieht man kaum jemanden, der keine bayrische Tracht trägt. Auch wir haben uns der Festgesellschaft angepasst und sind im Dirndl erschienen, und das sogar freiwillig. «Wir haben keinen Dresscode, die Gäste sind alle selber darauf gekommen, sich zu verkleiden», hält Organisator Christoph Stöckli fest. Bei aller Liebe zum Dirndl und zur Lederhose wurden einzig die Schuhe oftmals nicht ganz in die Kostümplanung einbezogen. So schmücken anstelle von Trachtenstiefeln in den meisten Fällen gewöhnliche Turnschuhe die Füsse der Teilzeit-Bayern.

Auch der eine oder andere Kostüm-Muffel hat sich unter die Menge gemischt. «Das Dirndl lässt mich feiss aussehen», begründet Jannine Davidopoelos ihre Dirndl-Scheu. Das fehlende Kostüm machen sie und ihre Freundinnen jedoch locker mit ihrer hervorragenden Laune und reichlich Bier wett. Dass das Fest Spass macht, das bestätigt auch der Organisator: «Vor zwei Jahren waren wir komplett ausgebucht. Deswegen haben wir das Fest dieses Jahr auf zwei Abende ausgeweitet», so Stöckli. Auch dieses Mal ist der Anlass fast ausverkauft.

Auch Politiker mögen Bier

Es ist kurz vor 19.30 Uhr und wir warten gespannt auf die berühmte «Azapfete». Ex-Gemeindeammann Joseph Etterlin steigt mit seinen Gehilfen auf die Bühne, zum riesigen Fass. Unter lautem Johlen und Applaus füllt sich das erste Glas mit Schaum. Bald fliesst auch das Bier. Der Anstich wirkt wie ein Startschuss: Die Zillertaler Mander heizen die Menge mit ihren Schlager-Hits mächtig auf. «Die Band ist super. Sie spielen bis 1 Uhr durch, die haben richtig Power!», erzählt uns Stöckli begeistert. Tatsächlich, die Tiroler scheinen unermüdlich.

Auch uns konnten sie mit ihrer guten Laune anstecken. Als ganz unerwartet einer der Musiker auf den Tisch springt und zwischen den grossen Biergläsern zu tanzen beginnt, können wir uns das Lachen nicht verkneifen. Die Gäste lassen sich immer mehr in den Bann des Schlagers ziehen und schunkeln fröhlich, mehr oder weniger im Takt, mit. In Kombination mit der blau-weissen Dekoration erinnert in diesem Festzelt nichts mehr daran, dass man in der Schweiz ist.

Fasnacht oder Oktoberfest?

Die Murianer sind bekannt als leidenschaftliche Fasnächtler, deshalb wollen wir wissen, welches Fest denn jetzt das bessere ist. «Fasnacht, definitiv die Fasnacht», sind sich Pascal Steiner, Patrick Wüthrich, Severin Stöckli und Reto Wiederkehr einig. Spass am Oktoberfest haben die eigentlichen Guggenmusiker trotzdem – auch ohne Bier: «Ich hatte heute schon eine Mass, jetzt wechsle ich lieber zum Kafi Zwätschge», lacht Steiner.

Seine Kollegen geben ihm recht und stimmen in sein Lachen ein. Auch die restlichen Partygäste scheinen das Fest zu geniessen und sind, entgegen allen Vorurteilen, ganz friedlich. Das und die fehlende Taschenkontrolle beim Einlass haben auch uns überrascht. «Im letzten Jahr hatten wir keine Schlägereien und ausser einer Schnittwunde gab es auch keine Verletzungen», erklärt uns Christoph Stöckli, als wir ihn auf die lockeren Sicherheitsvorkehrungen ansprechen. Statt barbarischen Wetttrinkens haben wir zu unserer Erleichterung also ein friedliches Fest mit tollen Verkleidungen erlebt.