«Wir feiern Weihnachten zweimal», erzählt Elena Gisler. Die gebürtige Weissrussin, die sich überall als Lena vorstellt, gehört zur russisch-orthodoxen Glaubensgemeinschaft. Diese orientiert sich mit ihren religiösen Feiern am veralteten julianischen Kalender, der unserem gregorianischen 13 Tage hinterherhinkt. «Da 40 % der Bevölkerung in Weissrussland katholisch sind, wird am 25. Dezember das christliche und zwei Wochen später das orthodoxe Weihnachtsfest gefeiert», erläutert sie. Der Liebe wegen kam sie vor drei Jahren in die Schweiz, genauer gesagt nach Arni. «Ich bin nicht streng religiös. Aber ich schätze diese Traditionen sehr. Denn lange waren Weihnachten und andere religiöse Feste wie Ostern in der Sowjetunion, zu der auch Weissrussland gehörte, verboten.»

Nach der Oktoberrevolution von 1917, als das Zarenreich unter Nikolaus II zusammenbrach, wurde Weihnachten von den Bolschewisten verboten. «Die Zaren hatten immer behauptet, dass sie von Gott geschickt worden seien. Die Bolschewisten wollten mit dem Verbot jegliche Verbindung zu dieser Zeit unterbinden», erzählt sie weiter. Unter der Sowjetunion wurden deshalb alle religiösen Einrichtungen zerstört, allein Gislers Heimatstadt Witebsk verlor so ihre 17 antiken Kirchen.

Fasten und auf den Stern warten

Ersatzweise wurden die Traditionen auf das Neujahrsfest verlegt: Aus dem Weihnachtsbaum wurde ein Silvesterbaum. Geschenke wurden erst zum Jahreswechsel ausgetauscht. Obwohl Weihnachten heute wieder erlaubt ist, ist diese Tradition geblieben. Aus dem amerikanischen Santa Claus im klassisch roten Anzug wurde Väterchen Frost im langen blauen Gewand. Legenden zufolge fährt er mit seiner Enkelin Schneeflöckchen (Snegurotschka) auf seiner Troika, einem Schlitten, der von drei Pferden gezogen wird, zu den Kindern, um ihnen Geschenke zu überreichen. «Natürlich gaben die Menschen ihre Religion nicht einfach so auf», erzählt Gisler. «Taufen, Beerdigungen und weitere religiöse Bräuche oder Feste mussten heimlich durchgeführt werden. Die Pfarrer und Priester mussten sich versteckt halten und unauffällig leben.»

Erst als die Sowjetunion 1991 unterging, wurden die religiösen Bräuche wiederbelebt. Da Weissrussland zwischen Ländern mit unterschiedlichen Kulturen liegt, vermischten sich verschiedene Traditionen miteinander. «Seit 25 Jahren dürfen wir Weihnachten wieder feiern, und immer mehr beinahe vergessene Bräuche kommen auf.» Zum Beispiel wird ähnlich wie im Christentum vor Ostern 40 Tage vor Weihnachten streng gefastet: Auf Eier, Milchprodukte und Fleisch wird verzichtet. Fisch, Öl und Wein sollen ebenfalls gemieden werden. Montags, mittwochs und freitags darf nur nach der Abendmesse gegessen werden. Samstags und sonntags sind Fisch und Alkohol in Massen erlaubt.

Einerseits sollen die Gläubigen so ihren Körper reinigen, um der Menschwerdung von Jesus zu gedenken. Aber sie sollen auch enthaltsam leben, keine Sünden begehen und anderen verzeihen, um zu sich selbst zu finden. An Heiligabend, der jeweils am 6. Januar ist, dürfen die Orthodoxen erst etwas essen, wenn der erste Stern am Nachthimmel erscheint. Das grosse traditionelle Weihnachtsessen findet jedoch erst nach dem Kirchenbesuch statt. «Der Gottesdienst dauert etwa drei Stunden», erzählt Gisler. «Früher gab es kaum Bänke in der Kirche, ausser für die älteren Menschen. Das Stehen symbolisiert die Demut der Menschen.» Was am Festessen serviert wird, ist sehr unterschiedlich. Meistens handelt es sich aber um fleischlose Speisen. «In manchen Familien werden sogar zwölf Gänge serviert. Damit wird auf die zwölf Jünger von Jesus verwiesen», erzählt sie. «Mir persönlich kommt es nicht auf das Essen an, für mich ist das Wichtigste, dass man Weihnachten mit seinen Liebsten verbringen kann.»