Serie Flachsee
Ornithologe Arthur Ingold weiss, was die Vögel zwitschern

Die Arbeit von Ornithologen ist besonders wichtig, um Aussagen über die Qualität eines Schutzgebiets machen zu können. Arthur Ingold ist der Fachmann für die Vögel am Flachsee.

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Ein Höckerschwan erhebt sich vom Flachsee in die Lüfte.
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Ein Silberreiher hat ein grosses Verbreitungsgebiet.
Der Kampfläufer ist streng geschützt.
Ein Weisssterniges Blaukehlchen am Ufer.
Auch Bekassine halten sich am Flachsee auf.
Arthur Ingold und die Vögel am Flachsee

Ein Höckerschwan erhebt sich vom Flachsee in die Lüfte.

Heinz Zumbühl

Seit 1989 zählt Arthur Ingold jeden Monat die Vögel am Flachsee. Noch nie hat er eine Tour verpasst. Wenn möglich geht er am 15. jedes Monats, wenn es stark regnet oder er verhindert ist, kann es auch ein paar Tage früher oder später sein, aber in jedem Fall zwischen dem 12. und dem 18. Am liebsten geht er unter der Woche, weil es da weniger Spaziergänger hat – für lange Gespräche hat er keine Zeit.

Das Vogelzählen erfordert höchste Konzentration. Als Hilfe hat Ingold einen mechanischen Zähler, den er für jeden Vogel einmal drückt. Er kann aber auch bis zu drei Arten simultan im Kopf zählen. «Wichtig ist, dass man die Arten immer in der gleichen Reihenfolge zählt», sagt der Ornithologe.

Noch anspruchsvoller ist die Brutvogelkartierung an der Stillen Reuss in Rottenschwil. «Die Vögel sehe ich meistens gar nicht, ich erkenne sie am Gesang. Auf der Karte muss ich dann eintragen, wo ich den Vogel gehört habe.» Abgesehen davon, dass dazu ein enormes Wissen erforderlich ist, braucht es auch ein gutes Gehör. «Wenn 30 Teichrohrsänger singen, dann ist das schon ziemlich laut – einen anderen Vogel herauszuhören, kann dann schwierig werden.»

Wichtig für den Kanton

Was ist denn der Nutzen davon, wenn man weiss, wie viele Rotschenkel, Waldwasserläufer und Bekassine sich in dem Naturschutzgebiet aufhalten? «Es sagt etwas über die Qualität des Gebiets aus. Damit ist es auch eine Erfolgskontrolle für den Kanton, der Geld in den Unterhalt investiert», erklärt Ingold.

Auch die Auswirkungen gewisser Naturereignisse kann man direkt am Vogelbestand ablesen: «Als 2006 die kleine Emme viel Schlamm mitführte, sind viele Kleinlebewesen am Grund gestorben, die Wasservögeln als Nahrung dienen», nennt Ingold ein Beispiel. Das gilt auch international: Wenn es in Russland und Polen sehr kalt ist, kommen mehr Wasservögel zum Überwintern nach Mitteleuropa und damit auch an den Flachsee.

Daten gehen bis 1972 zurück

Ähnliche Qualitätskontrollen gibt es auch in Schutzgebieten, die für Libellen oder Reptilien angelegt wurden; die Ornithologische Arbeitsgruppe Reusstal ist als Untersektion der Stiftung Reusstal für die Vögel zuständig. Ingold hält seine Erhebungen, zusammen mit zusätzlichen Informationen, jeweils in einem umfassenden Jahresbericht fest.

Der Datensatz reicht bis 1972 zurück, es gibt in der Schweiz kein anderes Gebiet, über das so umfassende Zahlen vorliegen. Wichtig sei dabei die Vergleichbarkeit, erklärt Ingold. Sein Gebiet zwischen dem Kraftwerk in Zufikon und der Werdbrücke ist in fünf Abschnitte unterteilt. Seit 1972 werden immer dieselben Sektoren ausgezählt, auch wenn sich das Gebiet verändert hat.

Vier bis sechs Stunden dauert eine Zählung. Die Dauer hängt dabei nicht nur mit der Anzahl Tiere zusammen. «Im Winter zähle ich manchmal 3000 Vögel, habe aber gleich lange wie im Sommer für 600, weil sie dann schwieriger zu finden sind.» Er müsse ein gewisses Tempo einhalten, die Genauigkeit dürfe aber nicht leiden. «Ich halte mich nicht mit Raritäten auf, wichtiger sind die Vögel, die oft hier sind.»

Es gibt aber auch Ornithologen, die möglichst viele seltene Vögel gesehen haben möchten. Ähnlich wie Kinder, die Panini-Bilder mit ihren Fussball-Idolen sammeln, gibt es auch solche, die darin wetteifern, wer zuerst 300 verschiedene Arten beobachtet hat. Bei Arthur Ingold scheint mehr die Tätigkeit an sich im Vordergrund zu stehen – dass er keine Lust habe, die monatliche Zählung durchzuführen, sei noch nie vorgekommen.

«Viele verstehen nicht, wie man daran Freude haben kann. Aber das ist wohl bei jedem Hobby so», sagt Ingold schmunzelnd. Er habe das Interesse an den Tieren schon vom Elternhaus her mitbekommen. Für seine Arbeit hat er den kantonalen Kurs für Feldornithologie absolviert. In 36 Veranstaltungen über anderthalb Jahre verteilt lernt man hier, über 200 Vogelarten zu bestimmen. Zusätzlich hat er noch ein Jahr angehängt, in dem er sich zum Exkursionsleiter ausbilden liess.

Bedrohungen und Erfolge

Wie steht es denn eigentlich um die Vögel in der Schweiz und am Flachsee? «Die ‹Allerweltsarten› sind am Zunehmen. Dagegen haben die anspruchsvollen Arten riesige Probleme», erklärt Ingold. Schwierigkeiten hätten Arten wie der Kiebitz oder die Feldlerche besonders mit dem Lebensraum.

«Das hängt unter anderem mit der Landwirtschaft zusammen. Die Wiesen und Felder werden intensiv genutzt, was dazu führt, dass die Vögel kaum Zeit zum Brüten haben.» Ingold hat aber auch Verständnis für die Bauern: «Auch sie sind gewissen Zwängen unterworfen und müssen schliesslich Geld verdienen.» Ein weiteres Problem sind Arten wie die Mittelmeermöve, die bei uns eingewandert sind und einheimische Arten verdrängen.

Es gibt aber auch Erfolge zu verzeichnen. So hat 2013 zum ersten Mal der Stelzenläufer in der Schweiz gebrütet. Natürlich am Flachsee.

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