Wohlen
«Ohne Gott wird das Leben geistlos und oberflächlich»

Kurt Grüter ist seit drei Jahren als katholischer Pfarrer in Wohlen tätig. Er begrüsst die Wahl von Papst Franziskus und sagt, die Kirche müsse unbequem sein, um der Welt Richtungund Orientierung zu geben.

Josef Kunz
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Kurt Grüter: «Ein Pfarrer ist heute Seelsorger, Organisator, Planer, Sozialarbeiter, Koordinator, Psychologe und vieles mehr.»

Kurt Grüter: «Ein Pfarrer ist heute Seelsorger, Organisator, Planer, Sozialarbeiter, Koordinator, Psychologe und vieles mehr.»

Ein Interview ist für Pfarrer Kurt Grüter keine ungewohnte Situation. In seinem Alltag nehmen Gespräche einen grossen Raum ein. «Wichtig bei allen Begegnungen mit Menschen ist, zuhören zu können, was ihnen im Leben wichtig ist, wie sie Gott sehen, aber auch bewusst machen, was der persönliche Sinn des Leben sein kann», sagt Grüter.

Herr Grüter, Ostern steht vor der Tür. Wie kann die Kirche die Botschaft der Auferstehung in der heutigen Zeit noch vermitteln?

Kurt Grüter: Wer sich der Sinn- und Lebensfrage stellt, ist auch offen für Fragen, die unsere materielle Welt, unseren konsumorientierten Alltag übersteigen. So wie die Wandlung in der Messe ist die Auferstehung von Jesus ein tiefes Geheimnis. Ostern, wie auch jeder Gottesdienst, können deshalb nicht einer billigen Show geopfert werden. Ich hoffe, dass die rund 7500 Katholiken von Wohlen - und natürlich alle Christen - sich ansprechen lassen von der tiefen biblischen Botschaft der Auferstehung, der Befreiung und Erlösung.

Wie sieht so ein durchschnittlicher Arbeitsalltag eines Pfarrers aus?

Ein Pfarrer ist heute Seelsorger, Organisator, Planer, Sozialarbeiter, Koordinator, Psychologe und vieles mehr. Zu den Tätigkeiten wie Gottesdienste halten, Predigten vorbereiten, Sakramente spenden, an Sitzungen teilnehmen, Ökumene mit den Reformierten pflegen, Gespräche im Pfarrhaus führen, kommen Haus-, Spital- und Krankenbesuche, Gottesdienste im Bifang, und 14-täglich eine Messe in der Casa Güpf. Dann Elternabende für Erstkommunikanten, Firmvorbereitung, Taufgespräche, auf Wunsch Besuche von Neuzuzügern, in Sozialfällen weiterhelfen, Gespräche bei Kirchenaustritten.

Vor allem die junge Generation gilt als kirchenfern. Was unternimmt die Kirche von Wohlen dagegen?

Die junge Generation lässt sich durchaus religiös ansprechen. Hier sind wir daran, neue Netzwerke aufzubauen, um Jugendliche zu erreichen. Wir prüfen die Einführung von Facebook, Twitter, WhatsApp und andere soziale Medien, um junge Menschen abzuholen, sie über entsprechende Anlässe zu informieren. Soziale Gerechtigkeit, Schuldgefühl, Verantwortung für sich selbst und für andere werden im «Versöhnungsweg» für 4. Klassen angesprochen. Für Jugendliche, Familien und weitere Personen sind die meditativen Velofahrten gedacht, aber auch die Lichterzeit im Advent im Wald sind emotional starke Erlebnisse für viele religiös Suchende und für Menschen, die religiös unterwegs sind.

In der katholischen Kirche selber gibt es ganz verschiedene Strömungen, vom Piusverein bis zu aufgeschlossenen Christen. Wie hält ein Pfarrer diese Strömungen aus?

Es gehört zur Vielfalt einer Kirche, mit Menschen unterschiedlicher Einstellungen unterwegs zu sein. Viele Probleme von heute sind nicht explizit kirchliche Probleme, wie z.B. Egoismus, Konsumgeist, Eifersucht, Gier nach Geld, Reichtum und Vergnügen. Daraus ergeben sich viele alltägliche Konflikte in Ehen, Familien, Beruf und Arbeitswelt. Aufhebung des Zölibats oder Frauenpriestertum lösen diese Probleme nicht. Entscheidend ist, dass die Kirche mit der Zeit geht, «heisse Themen» anspricht, wie dies Abt Martin Werlen von Einsiedeln tut, dass sie christliche Werte vermittelt, die allen Menschen den Weg zur Entfaltung, zum persönlichen Wachstum, zum seelischen Glück eröffnen.

Wie bewerten Sie in diesem Kontext die Wahl des neuen Papstes?

Wenn kirchlich-konservative Richtungen die Menschen normieren und einengen statt zur Freiheit der seelischen Entscheidung führen, verfehlen sie das wesentliche Anliegen der Bibel. Hier sind die Hoffnungen auf den neuen Papst Franziskus berechtigt, aber er kann nie alle Wünsche aller Christen erfüllen. Denn die Kirche muss, um der Welt Richtung und Orientierung zu geben, auch unbequem sein. Die Kirche muss sich dabei selber fragen, ob und wie sie die Menschen auf ihrem Erden- und Lebensweg abzuholen imstande ist. Wo das gelingt, geschieht Auferstehung in jedem Einzelnen. Da bin ich als Pfarrer tagtäglich gefordert, ein «Architekt Gottes» zu sein.

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