3. Tag
Offline-Selbstversuch: Flüchtlinge haben keine Hängematte

Dritter Tag des Offline-Experiments: Die privilegierte Situation verpflichtet zur Offenheit für Benachteiligte.

Eddy Schambron
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Am Sembach in der Gemeinde Auw ist gut sein, zumal das Wetter jetzt angenehmer ist. Einzig die Mücken sind aggressiv.

Am Sembach in der Gemeinde Auw ist gut sein, zumal das Wetter jetzt angenehmer ist. Einzig die Mücken sind aggressiv.

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Klares Ja zur Asylgesetzrevision. Das Resultat der Abstimmung erfahre ich erst am Montag, am späteren Vormittag, weil ich zufällig in Wannen dem Sinser Gemeindeammann Josef Huwiler begegne.

Den Entscheid finde ich richtig. Mir geht durch den Kopf, dass jeder Flüchtling wahrscheinlich glücklich wäre über meine Minimalausrüstung.

Er hätte eine trockene Schlafgelegenheit, einen warmen Schlafsack in windigen Nächten und einen anständigen Regenschutz, wenn es schüttet vom Himmel.

Er hätte einfache, aber nahrhafte Mahlzeiten dabei. Zudem könnte ich mir, im Gegensatz zu ihm, nicht nur das Essen in einem der Restaurants leisten, sondern überall Hilfe und Unterstützung holen, weil ich das Land kenne und die Sprache der Leute hier verstehe. Die paar Kilo am Rücken scheinen gleich etwas weniger schwer.

Umwerfende Weite

Sepp Huwiler macht mich auf den «schönsten Aussichtspunkt im Freiamt» auf seinem Land aufmerksam. Tatsächlich bleibe ich da kleben, lasse meine Schuhe und Socken in der warmen Sonne trocknen und geniesse das Panorama von wirklich umwerfender Weite. Bauer Huwiler sagt, er hätte den schönsten Arbeitsplatz der Welt. Man kann ihm hier kaum widersprechen. Auf der einen Seite breitet sich die Zentralschweiz mit einer imposanten Bergkette aus, wenn es sichtig ist, auf der anderen Seite der sanfte Lindenberg mit seinen verstreuten Bauernhöfen und schön gelegenen Ortschaften.

Mein bisheriger Fussmarsch durch Oberfreiämter Dörfer mit den grossen, gut unterhaltenen Häusern und durch die gepflegte Landschaft lässt mich sehen und spüren, dass wir es im «schwarzen Erdteil», wie der Volksmund den Bezirk Muri in Anlehnung an die katholische Prägung der Gegend ausdrückt, wirklich gut haben. Das zu erhalten ist Pflicht – genauso, wie aus dieser privilegierten Situation offen zu sein für jene, die das nicht einmal ansatzweise haben.

Der «schwarze Erdteil» oder der «Südstaat»

Der «schwarze Erdteil», wie früher der Volksmund den Bezirk Muri nannte, ist das obere Freiamt. Der frühere Grossrat und Sinser Gemeindeammann Jakob Peterhans sprach von den «Südstaaten». Beide Bezeichnungen drücken aus, dass diese Region besonders ist – schwarz wegen der bis heute mehrheitlich katholischen Bevölkerung, ein «Südstaat» nicht nur wegen der geografischen Lage im Aargau, sondern auch als Ausdruck einer Randregion, die sich traditionell stärker nach der Zentralschweiz orientiert als am «fernen» Aarau.
Der Bezirk Muri ist eine Wachstumsregion. Nicht nur die intakte Landschaft, sondern auch die Lage mit guter Verkehrsanbindung Richtung Zürich, Zug und Luzern und die im Vergleich zu den Nachbarkantonen noch günstigeren Miet- und Bodenpreisen haben die Bautätigkeit in den letzten Jahren stark ansteigen lassen. Heute zählt der Bezirk Muri rund 35 000 Einwohner. Bevölkerungsmässig die grösste Gemeinde ist der Bezirkshauptort mit rund 7600 Einwohnern, flächenmässig ragt Sins mit 20,28 Quadratkilomete obenaus. (es)

Obwohl eigentlich in der näheren Heimat unterwegs, fühle ich mich ziemlich weit ab von der hektischen Welt. Die Achterbahn der Gefühle, gestern noch den Tag bestimmend, hat sich zu einem ruhigen, breiten Band gelegt.

Auf dem Marsch nach Mühlau auf schattigen Waldwegen und sonnigen Verbindungsstrassen zwischen einzelnen Höfen begegne ich fast niemandem. Am Dorfbrunnen fülle ich den Wasservorrat wieder auf. Hier wäre ich schwach geworden und hätte mir eine Glacé gegönnt, wenn der Volg geöffnet gehabt hätte. Hat er aber nicht, und so marschiere ich weiter Richtung Auw. Den späteren Nachmittag und den Abend verbringe ich am Sembach. Die Hängematte ist schnell aufgehängt, die Temperaturen steigen dank dem Sonnenschein markant an. Der Zeckenspray, stelle ich beruhigt fest, wehrt erfolgreich die Mücken ab, die mich ziemlich aggressiv attackieren. Am Schluss der Reise werde ich trotzdem sieben Zecken aus meiner Haut entfernt haben.

Rhythmus der Natur

Es ist nicht mehr irritierend, dass die Zeit nur langsam verrinnt. Die Uhr am Handgelenk hat jede Bedeutung verloren. Ich habe mich offenbar bereits dem Rhythmus der Natur angepasst. Ich leiste mir einen Nachmittagstee, was mit einem gewissen Aufwand verbunden ist, lese das Buch «Aussetzer» von Andrea Camilleri zu Ende und schnitze noch einige Fische aus Haselruten. Ein Vogel hüpft in der Nähe vorbei, hält inne und beobachtet mich misstrauisch mit seinen kleinen Kugelaugen. Wir schauen uns bewegungslos an, bis er sich entschliesst, weiter zu ziehen.

Der Abwasch nach dem Abendessen – Risotto con Funghi übrigens – erfolgt nach Jungwacht-Manier, wie ich sie vor 50 Jahren gelernt habe: mit Sand im Bach. Funktioniert heute genauso tadellos wie damals.

Ich ertappe mich beim Gedanken, ob das Wasser des Baches eigentlich sauber genug ist, um die Tasse nach dem Abwasch bedenkenlos für die Zubereitung eines Tees mit Trinkwasser zu verwenden.

Irritiert schüttle ich den abstrusen Gedanken wieder ab. Andernorts ist das leicht erdig wirkende Wasser des Sembachs Trinkwasser, und bei weitem nicht in dieser Menge verfügbar.

Der dritte Tag allein im Wald, stelle ich fest, macht ruhig, sensibilisiert aber auch für die Tatsache, dass Selbstverständlichkeiten eigentlich gar keine sind.