«Die Hauptverursacher von Foodwaste sind die Endverbraucher», ist Werner Humbel, der Gründer und Geschäftsleiter der Recycling Energie AG in Nesselnbach überzeugt. Das Konsumverhalten habe sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert, und es hätten sich immer mehr Gewohnheiten eingebürgert, die der unnötigen Verschwendung von Lebensmitteln Vorschub leisten würden.

Man muss nicht lange nach Verhaltensmustern suchen, die Humbels These belegen: Die Konsumenten sind heikel geworden, krumme Rüebli, unförmige Kartoffeln oder Äpfel mit kleinen Flecken sind bäh, ein Tag altes Brot ist gruusig und das Joghurt schon einen Tag vor dem aufgedruckten Endverkaufsdatum lebensbedrohend. Kommt dazu: Für die Konsumenten ist es selbstverständlich, dass beim Bäcker oder beim Grossverteiler zwei Minuten vor Ladenschluss noch alle Brotsorten verfügbar sind und sie noch zwischen mindestens zwei unterschiedlichen Grössen von Cremeschnitten sowie einer stattlichen Auswahl Torten wählen können.

«Nicht alle Gesetze sind sinnvoll»

Ein Faktor sagt Werner Humbel, sei auch die Tendenz zum Grosseinkauf: «Es gibt Statistiken, die besagen, dass rund die Hälfte aller eingekauften Lebensmittel beim Konsumenten letztlich im Kübel landen.» Die Produktionsabfälle würden nur rund 10 % ausmachen, die Verluste in den Läden und der Gastronomie 2 bis 5 % und auf Fabrikationsabfälle entfielen laut diesen Erhebungen rund 10 %.

Es sind, so sagt der Betreiber der Biogas-Anlage, aber nicht nur Konsumenten, Produzenten, Handel und Gastronomie für die Lebensmittelverschwendung verantwortlich: «Meiner Meinung nach trägt auch die immer rigoroser werdende Gesetzgebung ihren Teil dazu bei. Ich spreche da primär die Ablaufdaten an.» Aus seiner Sicht «extrem streng» sei auch die Einhaltung der Kühlkette geregelt. Werner Humbel stellt die entsprechenden Gesetze und Regelungen keineswegs grundsätzlich infrage. Aber nicht alles, was der Gesetzgeber von den Produzenten und vom Handel fordere, sei wirklich sinnvoll, findet er.

Nicht alles ist Foodwaste

In Nesselnbach sind die Auswirkungen von Foodwaste täglich zu sehen: Lastwagen bringen ganze Container voll mit krummgewachsenen Rüebli, unförmigen Kartoffeln oder Äpfeln mit unreinem Teint. Sie verschwinden zusammen mit wenige Stunden altem Brot, fast frischen Cremeschnitten oder Fleisch, dessen Verkaufsdatum abgelaufen ist, im Schlund der grossen Biogasanlage. «Immerhin», sagt deren Betreiber, «führen wir diese Lebensmittel hier einer sinnvollen Verwertung zu.»

Seit 2011 wird in Nesselnbach aus Lebensmittel-Abfällen Strom erzeugt. Die Anlage der Recycling Energie AG ist eine von wenigen in der Schweiz, die dafür eingerichtet ist. Mindestens 200 Tonnen sind es Tag für Tag, welche von den firmeneigenen Lastwagen angeliefert werden. Daraus wird ökologische Energie für rund 5000 Haushaltungen erzeugt. Seit rund sechs Monaten speist das Unternehmen auch Biogas ins Netz, mit dem Autos oder Heizanlagen umweltfreundlich betrieben werden können.

Allerdings: Längst nicht alle Abfälle, die in der Biogas-Anlage angeliefert werden, liessen sich mit einem besseren Konsumverhalten vermeiden. Neben überlagerten oder nicht verkauften Lebensmitteln sowie landwirtschaftlichen Produkten, die nicht ganz dem hohen Schweizer Verarbeitungsstandard entsprechen oder die auf dem Markt aus anderen Gründen nicht abgesetzt werden konnten, werden hier – unter anderem – auch Produktionsabfälle wie Kartoffelschalen aus der Chips-Produktion oder Kaffeesatz aus der Herstellung von Milchgetränken sinnvoll verwertet. Gas und Strom produziert wird weiter auch aus Schweinegülle und Hühnermist. Diese Produkte sind laut Humbel gut für die Bakterienerneuerung in der Anlage und deshalb sehr willkommen.

«Gastrosuppe» für Schweine

Die sinnvolle Verwertung von Lebensmitteln ist für Werner Humbel nicht erst Thema, seit er sich 2008 erstmals mit dem Bau einer Biogas-Anlage befasst hat. Humbel betreibt in Stetten seit Jahrzehnten eine Schweinemästerei und hat, als das noch erlaubt war, die borstigen Allesfresser überwiegend mit Speiseresten und Rüstabfällen ernährt. «Wir haben in Restaurants, Altersheimen und Spitälern in der Region die legendären Schweinekübel geleert und auch nicht verkaufte und überlagerte Lebensmittel eingesammelt. In unserer speziellen Küche in Stetten wurden diese gekocht, sterilisiert und so keimfrei gemacht, dass wir sie den Schweinen verfüttern konnten», erklärt Humbel. Er hat damals für seine 1500 Mastschweine täglich bis zu 12 Tonnen Futter hergestellt.

Um die aufgebaute Logistik noch optimaler auszulasten, belieferte Humbel auch andere Schweinemäster mit den aufbereiteten Lebensmittelabfällen. Die von ihm produzierte «Humbel Gastrosuppe» war zu jener Zeit legendär und sehr begehrt.

Dieses Verfahren wird in seiner Schweinemästerei bis heute angewendet, allerdings nur noch mit pflanzlichen Stoffen. «Ich war nicht der einzige Schweinemäster, der das Abfallproblem auf diese sinnvolle Art gelöst hat, in der Schweiz wurde das vielenorts so gemacht», sagt Humbel und betont: «Die Standards waren hoch und das so produzierte Futter von hoher Qualität. Es hat nie irgendwelche Zwischenfälle gegeben.»

Anders im benachbarten Ausland: «In der EU gab es verschiedentlich Vorfälle mit Maul- und Klauenseuche oder Schweinepest, die man – unter anderem – auf das Verfüttern von Lebensmittelabfällen zurückführte. Dann kam die weltweite BSE-Krise und als direkte Folge davon ein europaweites Verfütterungsverbot von Lebensmittelabfällen mit Fleischprodukten», zeigt Humbel auf. Die Schweiz übernahm dieses Fütterungsverbot 2008 mit einer Übergangsfrist von drei Jahren.

50 Mitarbeiter angestellt

Humbel suchte nach Alternative für die Abfallverwertung und gleiste das Projekt Biogas-Anlage auf: «Wir haben damals schon über ein Dutzend Mitarbeiter im Bereich Logistik und Futteraufbereitung beschäftigt. Die wollte ich ja nicht einfach auf die Strasse stellen.» Der eingeschlagene Weg hat sich für ihn gelohnt. Und für viele andere in der Region auch. Nicht nur, weil in der vor sieben Jahren eröffneten Anlage aus Lebensmittel-Abfällen Öko-Energie produziert wird. In Nesselnbach hat Foodwaste auch positive Seiten: Humbels Belegschaft hat sich innerhalb von lediglich zehn Jahren vervierfacht. Mittlerweile finden im Reusstal rund 50 Personen mit der sinnvollen Verwertung von Lebensmittelabfällen ihr tägliches Auskommen.