Schweizer lieben es, sich zu verkleiden. Darum funktioniert landauf, landab die Fasnacht so gut, darum werfen sich Tellensöhne und -töchter mit Wollust in Krachlederne und Dirndl, wenn es darum geht, an Oktoberfesten Fässer anzustechen, darum tanzen sie als Cowboys und -girls an Western Nights auf den Bänken und reiten in historischen Gewändern am Sächsilüüte um den brennenden Böögg. Seit einigen Jahren boomt, auch in der Schweiz, eine neue Art kostümierter Belustigungen: Mittelalterfeste.

Seit gestern hat nun auch das Freiamt sein eigenes Spektakel, das die Zeiten feiert, in denen Männer noch echte Kerle und Frauen noch Pfundsweiber waren. Am vergangenen Wochenende verzauberten die Mitglieder des Vereins Corvus Nidum das Motocrossgelände ob Hilfikon in einen mittelalterlichen Markt- und Kriegsschauplatz, dem es wahrhaftig an nichts mangelte. Der Verein versprach auf seiner Website www.wums.ch: «Wir möchten ein mittelalterliches Fest gestalten, welches dem modernen Menschen im Informationszeitalter die Möglichkeit gibt, eben diesem zu entfliehen. Burgen, Ritter, holde Maiden, Nordmänner, Handwerker und Wegelagerer, Spielmänner und Gaukler entführen Euch in längst vergangene Zeiten.» Das Wikinger- und Mittelalter-Spektakel (Wums) bot genau jenes. Beflügelt durch Fernsehserien wie Vikings oder Game of Thrones tummelten sich auf dem Gelände, wo sich sonst moderne Ritter auf ihren PS-starken Zweirädern zu halsbrecherischen Turnieren treffen, an diesem Wochenende tatsächlich Händler, Krieger, Ritter, Edelfrauen, Bauernvolk, Schmiede, Fleischhauer, Schnitzer, Gerber, Haarschneider, Hexen, Magier, Alchemisten und Touristen, um für ein paar Stunden oder drei ganze Tage einzutauchen in eine Welt, die es so nie gegeben hat.

Hilfikon: das erste Wikinger- und Mittelalter-Spektakel

Kleine und grössere Schlachten auf dem Motocrossgelände.

Über offenem Feuer drehte sich eine Sau am Spiess, von der Bühne erscholl Tanzmusik, gespielt auf Sackpfeife, Flöte, Laute und Trommel, und gar lustig gewandet Volk interessierte sich für die Angebote an den Marktständen. Das schöne Wetter machte durstig. Der Met und das Bier flossen in Strömen. Dennoch war die Stimmung friedlich und entspannt, auch wenn einige der männlichen Wums-Besucher echt martialisch wirkten in ihren Fellen und Harnischen, bewaffnet bis an die Zähne. Die Frauen standen ihnen aber auch in nichts nach. Die Schildmaid Lagertha aus Vikings hat in der Schweiz offensichtlich zahlreiche Töchter.

Friede, Freude, Flammbrot

Die einzige Auseinandersetzung fand denn auch gezielt inszeniert statt. Am Samstag und Sonntag zeigten die mittelalterlichen Recken, was sie auf dem Schlachtfeld taugen. Dabei geriet ein Wikingertross an eine Schar christlicher Ritter. Mit Pfeil und Bogen, Schwertern und Streitäxten gingen die beiden Heere aufeinander los, und das Publikum genoss das Spektakel. Zum Glück waren alle Waffen stumpf. Einer der Christen beschwerte sich nämlich nach der Schlacht beim Herold, dass ihn ein Wikinger mit der Axt in den Nacken gehauen habe. Das war natürlich gegen die Spielregeln. Allerdings vor 1000 Jahren noch nicht. Da entschied ein guter Hieb noch über Sieg oder Niederlage und wurde eher gelobt als angezeigt.

Ansonsten: Friede, Freude, Flammbrot allüber und glückliche Organisatoren mittendrin. Es ist ihnen gelungen, während dreier Tage den Lauf der Zeit und den Gang der Menschen zu entschleunigen. Essen, das über dem Feuer gekocht, Getränke, die aus natürlichen Zutaten gebraut wurden. Kleider aus Flachs, Wolle, Leder und Fell. Kinder spielten miteinander, statt mit dem Computer und ihre Eltern widmeten sich dem Gespräch, statt dem Handy. Auch wenn man die medizinischen und hygienischen Segnungen der Gegenwart nicht missen möchte, die Gangart der Epoche vor der Aufklärung wäre für viele Menschen dieser Zeit eine Erlösung.